Heimatverein Helmarshausen von 1951 e.V.

 

Bilder aus Helmarshausen

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Die erste Eisenbahn im Diemeltal

Die Entstehung unseres Ortsnamens Helmarshausen. 

Hochwasser am 25. November 1890

Kindheit in Helmarshausen

Beim Kienspan und Steinöllämpchen

In jenen Tagen

Das alte Helmarshäuser Rathaus.

Helmarshäuser Schützenverein

Die Glocken in der Stadtkirche von Helmarshausen

Salzschmuggel an der Weser

Die Mönche schieben Kegel! 

Wirtschaftliche Verhältnisse in Helmarshausen

Die Verrohrung der Hainbach

Verschönerungsverein Helmarshausen !

Geschichte über die Bäckerzunft in Helmarshausen.

 

Geschichtliches aus der Entwicklung des Postamtes Helmarshausen seit der Jahrhundertwende. 

 
   

 

  Die erste Eisenbahn im Diemeltal.

Wer Karlshafen bereits längere Zeit kennt, dürfte sich auch jenes Vorganges von vorgestern erinnern, der mit zum Alltagsbild der freundlichen Oberweserstadt gehörte wie irgendwann im Laufe des Vormittags eine alte Bundesbahn-Lokomotive einen Güterwagen oder auch zwei Wagons bedächtig durch die Karlstraße schob, nicht ohne intensives Betätigen des hellen Läutewerkes, wie die stets belebte Weserstraße mit besonderer Vorsicht überquert wurde und wie dieser gewichtige Eisenbahnzug dann durch die Gebergasse das linke Flussufer erreichte, wo bei km 44, 6 an der Umschlagstelle, der zwischen Hafenschleuse und Diemel - Mündung gelegenen Ladeschlagd, vielleicht ein Weserschiff zum Be- und Entladen festgemacht hatte.

Im vorigen Jahrzehnt konnte man diesen Zeitlupenfilm bereits immer seltener ablaufen sehen, und seit dem katastrophalen Hochwasser vom 16. /17. Juli I965 war es ganz vorbei damit. Damals zerstörten die Schlammfluten der Diemel bei ihrem plötzlichen Einbruch in das Wesertal den Gleiskörper jener Verbindung zwischen dem Bahnhof Karlshafen linkes Ufer und der Weser.

Seit dem Inkrafttreten des Winterfahrplanes am 25. September 1966 hat nun die Deutsche Bundesbahn auch den Bahnhof selbst stillgelegt. Reisende aus den Richtungen Kassel oder Warburg werden in Hümme auf Bahnbusse verwiesen, und Güterzüge, jeden Tag normalerweise einer, verkehren ab Hümme nur noch bis nach Helmarshausen, der kleinen Stadt an der Diemel mit der heute letzten Station vor dem etwa drei Bahnkilometer entfernten Karlshafen. Ein bahnamtlicher Güterbestäther übernimmt ab Helmarshausen mit Lastkraftwagen den Transport der für die Weserstadt bestimmten Frachten und holt dort die anfallenden Bahngüter ab. Allerdings geschieht das alles wie es offiziell heißt und wie man es auch für den diesjährigen Winterfahrplan bei der Strecke 198d im Amtlichen Kursbuch nachlesen kann - "bis auf weiteres" und "aus technischen Gründen". Seit geraumer Zeit schon sind nämlich im Diemeltal die Gleisanlagen reparaturbedürftig, und das Geld hierfür fehlt der Deutschen Bundesbahn auch hier, vermutlich gleichfalls "bis auf weiteres". So umschreibt der recht unverbindliche Zusatz wohl nur die Tatsache, daß die Strecke Karlshafen Hümme vermutlich das Schicksal mancher anderen Nebenbahn wird teilen müssen, nämlich stillgelegt zu werden.

Der Eisenbahnanschluss unmittelbar an das hessische Oberweserufer in Karlshafen jedenfalls gehört schon jetzt der Vergangenheit an. In der Stadt sind die Gleisanlagen, der Kran und die Kohlenschuppen abgebaut; den zugehörigen Grundbesitz der Bahn hat der Magistrat der Stadt gekauft. Der guten Ordnung halber sei jedoch erwähnt, daß Karlshafen nun nicht jede Eisenbahnverbindung verloren hat; auf der anderen Weserseite sind der Bahnhof Karlshafen rechtes Ufer und die auch von Eilzügen bediente Bundesbahnstrecke Ottbergen - Karlshafen r.U. - Northeim (Han) Herzberg - Walkenried, unter der Streckennummer 200 im Fahrplan verzeichnet, voll im Betrieb; die Linie war hier am 15. Januar 1878 eröffnet worden.

Sind die Stillegungs- und Abbaumaßnahmen im Diemeltal auch nur noch praktische Folgerungen aus einer längst gegebenen Entwicklung des Verkehrs, so erinnern sie zugleich daran, daß, damit in jüngster Zeit eine Verbindung aufgegeben wurde, die vor fast zwölf Jahrzehnten die damals neuzeitliche Schiene und die traditionelle Oberweserschifffahrt mit ihrem modernen Dampfantrieb zum erstenmal unmittelbar zusammengeführt hatte. Das geschah im Frühjahr 1848, als die hessische Bahnlinie zwischen Hümme und Karlshafen eröffnet wurde.

In unseren Tagen liest es sich überraschend, daß ausgerechnet diese Strecke, die man heute eigentlich nur noch als idyllisch bezeichnen möchte, als erste im ganzen Gebiet der Oberweser oberhalb Mindens gebaut wurde. Die damals preußische Stadt Minden selbst hatte fast sechs Monate vorher ihren ersten Bahnanschluss erhalten.

Um zu verstehen, was die Regierung des Kurfürstentums Hessen-Kassel in den vierziger Jahren des 19ten Jahrhunderts veranlasst hatte, das Unternehmen des Bahnbaues zu Planen und mit großer Konsequenz beschleunigt zu verwirklichen, muß man streng genommen, zurückgehen in das dreizehnte Jahrhundert. Schon vor solch langer Zeit waren die Weichen gestellt worden, die die Wirtschaft und den Verkehr im Oberwesergebiet und darüber hinaus bis in das heutige Jahrhundert entscheidend beeinflussten.

Das Welfenhaus hatte aus dem Erbe des 1247 gestorbenen Landgrafen Heinrich Raspe, der über Thüringen und auch über Hessen herrschte, die Stadt Münden am Ursprung der Weser endgültig erworben. Es bestätigte ihr das sogenannte "Stapelrecht", das im Vertrage vom 4. Februar 1247 zu Braunschweig erteilt worden war, im Jahre 1292 und fügte weitere Privilegien hinzu. Das geschah zweifellos, um die Welfenherrschaft an diesem exponierten Punkt zu sichern; die Mündener konnten dann nicht erwarten, daß ihnen die vor der Haustür residierenden hessischen Landgrafen ähnlich weitgehende Zugeständnisse gewähren würden. Den Mündener Schiffen war also auf Jahrhunderte praktisch eine Monopolstellung für den Verkehr auf der Oberweser gesichert worden. Daher beherrschte die Stadt den Handel zwischen Nord und Süd, soweit er den relativ sicheren Wasserweg wählte, und sie hatte infolgedessen den Ablauf der Ein- und Ausfuhr von Hessen-Kassel wesentlich in ihrer Hand.

Man weiß, daß diese Zustände den bedeutendsten der hessischen Landgrafen, Karl (1670 bis 1730), nach vergeblichen Versuchen, die lästige Stadt unter seinen Einfluss zu bekommen, zu dem kühnen Plan einer Kanalverbindung von der Weser nach seiner Residenz, Kassel, und darüber hinaus veranlassten, einem Projekt, das 1699 auch zu der Gründung der Stadt Sieburg, der im Jahre 1715 zu Ehren des Landgrafen in "Carlshafen" umbenannten Hugenottensiedlung, führte (seit 1935 : "Karlshafen"). Hätte man den Schiffskanal nach Kassel verwirklichen können, wären Münden hinsichtlich seines Handels und Verkehrs zweifellos in eine schwierige Lage geraten. Der hessische Fürst hatte aber die finanziellen und die technischen Möglichkeiten seines Landes überschätzt. Karlshafen wurde am Ende nicht zu einem Industrie und Handelsplatz, sondern eine recht isolierte Stadt mit einem stillen Hafenbecken und einer Art Gracht, wie man sie in alten niederländischen Städten findet.

Doch der Gedanke, Münden zu umgehen, blieb lebendig. Drei Jahrzehnte nach Karls Tod nahm Landgraf Friedrich II. von Hessen-Kassel (1760 bis 1785) ihn wieder auf. Statt eines Kanals sollte nun eine gut ausgebaute Straße zum Erfolg verhelfen; weitere Anreize für die Spediteure waren hierbei finanzielle Vorteile, wie Fortfall von Passier-, Chaussee- Wege- und Lagergeldern, so daß die Frachtsätze für Transporte von Kassel über Karlshafen nach Bremen nicht höher lagen als bei dem an sich praktischeren Wege über das welfische Münden.

Tatsächlich fand dann auch ein Berichterstatter für die "Annalen der braunschweigisch - lüneburgischen Churlande" in einem Report vom 30. Juli 1786 nach längerer Beobachtung "in Carlshafen alles weit lebhafter als sonst. Verschiedene Schiffe lagen da, die fast mit lauter Leinwand beladen ihre Abfahrt nach Bremen anzutreten im Begriffe waren. Wieder andere kamen von Bremen herauf und entledigten sich hier eines ansehnlichen Teils ihrer Ladung"  In der „Frankfurter Zeitung" las man damals, daß Waren über Karlshafen "hurtiger und wohlfeiler" versandt wurden. Vierzehn Tage früher, so hieß es, könnten die Güter auf diesem Wege nach Frankfurt gelangen, weil der zeitraubende Aufenthalt in Münden vermieden würde.

Bald wurde Karlshafen ein derart belebter Umschlagsplatz, daß die Mündener die Ausfälle spürten und durch eine Verbesserung ihrer Verladeeinrichtungen an der Schlag ihre Vorteile anboten. In der jungen Hafenstadt des hessischen Landgrafen entstanden damals repräsentative Bauten, die noch jetzt von jenem kräftigen wirtschaftlichen Aufschwung zeugen: ein landgräfliches Gästehaus (heute: Hotel " Zum Schwan" ) an der Invalidenstraße, ein Packhaus und das Gebäude der einstigen Thurn- und Taxis`schen Postverwaltung sowie die Kette stattlicher Bürgerhäuser an der Westseite der Weserstraße, in der heute die Bundesstraße 80 ihren Ausgang nimmt.

Die Napoleonischen Kriegswirren beendeten die vielversprechende Entwicklung Karlshafen und später lähmte die wirtschaftliche Rezession im ganzen Weserlande die Initiativen auf viele Jahre hinaus. Um so größer waren die Hoffnungen, die man auf die Eisenbahn und die Dampfschifffahrt setzte, als diese neuen Verkehrsmittel in den dreißiger Jahren allenthalben in den Mittelpunkt der Diskussionen über Wirtschaftsfragen rückten.

Der Kaufmann Wiegand in Vlotho rief im Verein mit Persönlichkeiten aus Hameln, Holzminden und Höxter ein Komitee ins Leben, das sich für den Bau einer Wesertal-Eisenbahn einsetzen sollte, ein Vorhaben das schon allein wegen der Vielzahl der an der Oberweser beteiligten souveränen Länder keine Aussicht auf Erfolg haben konnte. Die Regie­rung des Königreiches Hannover nahm für ihr Territorium die zentrale Projektierung und Förderung der staatlichen Bahnbauten in die Hand. Die Strecken von Hannover nach Minden, nach Bremen und nach Hamburg wurden 1843 festgelegt; sie sollten dem Welfenstaat für die Zukunft eine Schlüsselstellung sichern.

Ähnliche Absichten verfolgten das Königreich Preußen und das Kurfürstentum Hessen-Kassel mit einer Bahnlinie, die, von Halle an der Saale über Erfurt verlaufend und hannoversches Gebiet südlich umgehend, den hessischen Staat von Gerstungen im Südosten über Bebra nach Kassel durchqueren und von dort über Grebenstein und Hümme nach Karlshafen direkt an die 0berweser führen sollte: die Friedrich-Wilhelm-Nordbahn, so benannt nach dem damaligen hessischen Regenten und Thronfolger, der später als letzter Kürfürst von Hessen-Kassel sein Land 1866 an Preußen verlor.

Einen wichtigen Punkt bei dieser Planung durch die Friedrich-Wilhelm-Nordbahngesellschaft in Kassel bildete die Erwartung, mit diesem neuzeitlichen Verkehrsmittel und einen Anschluss an die zwischen Frankfurt am Main und Kassel schon begonnene Linie der Main-Weser-Bahn, die am 15. Mai 1852 eröffnet wurde, den größeren Teil der Nord-Süd-Verkehre nunmehr von Münden auf Karlshafen zu lenken. Die kurhessische Oberweserstadt sollte also zu dem Handelsplatz und Haupthafen des Staates entwickelt werden und somit die Funktionen endgültig übernehmen, die Landgraf Karl einst bei ihrer Gründung ins Auge gefasst hatte.

Die Lage war nun freilich nicht mehr die gleiche wie damals. Durch die Weserschifffahrtsakte vom 10. September 1823 war u. a. das Mündener Stapelrecht "für immer" aufgehoben worden, und die Schifffahrt auf dem Weserstrome sollte "in bezug auf den Handel völlig frei sein" . Dennoch beherrschte Münden nach wie vor den Schiffsverkehr mit Kurhessens Hauptstadt, Kassel, und dem hessischen Werraland auf drückende Weise. Mit ihren Wehren sperrte die hannoversche Stadt den durchgehenden Verkehr und erzwang damit einen zeitraubenden und kostspieligen Umschlag. Außerdem gehörte Hessen dem Deutschen Zollverein von 1834 an, Hannover hingegen damals noch nicht, Münden war somit von Hessen-Kassel aus betrachtet, "Ausland" .

Die geplante hessische Eisenbahn schien also große Aussichten zu eröffnen. Nach dem ersten Spatenstich, der am 1. Juli 1845, also fast zehn Jahre nach der Eröffnung der ersten deutschen Eisenbahn, im heutigen nordhessischen Landkreise Melsungen an der Oberen Fulda oberhalb von Guxhagen stattfand, wurde vor allem der Bau des in Richtung Weser führenden Nordabschnittes von Hümme nach Karlshafen mit aller Kraft vorangetrieben. Diese sogenannte "Carlsbahn" wurde auch zuerst vollendet, obwohl in ihrer Strecke ein 202 Meter langer Tunnel nahe dem Dorf Deisel eingeplant werden mußte. Er führt am Westhang des Reinhardswaldes durch den Kesselberg. Das für die damalige Zeit anspruchsvolle Bauwerk - es war der erste Eisenbahntunnel in ganz Norddeutschland und der einzige diese Linie - schufen belgische Arbeiter auf der rechten Diemelseite zwischen den Stationen Trendelburg und Wülmersen unter der Leitung des belgischen Ingenieurs I. Klasse Fr. Splingard zwischen dem 23. April 1846 und dem 1. Juni 1847.

Der Zugbetrieb auf der 28 Kilometer langen Eisenbahnstrecke Karlshafen - Hümme und südlich weiter in Richtung Kassel bis nach der Stadt Grebenstein wurde am 30. März 1848 eröffnet ; den Anschluss nach der Hauptstadt stellten zunächst Omnibusse her. Am 20. August dieses Revolutionsjahres 1848, folgte bereits die Eröffnung der 20, 6 Kilometer langen, anschließenden Strecke Grebenstein - Kassel. Die Ost-West-Hautlinie in Richtung Warburg war fast sieben Monate später bis Haueda an der kurhessisch / preußischen Grenze fertig; 1863 war dann Paderborn erreicht, und später wurde in Hamm der Anschluss an die Köln-Mindener Eisenbahn hergestellt.

Die ersten Lokomotiven der hessischen "Carlsbahn" hatten noch schöne Namen: Hirsch und Sababurg. Man hatte sie von der amerikanischen Firma Norris in Philadelphia bezogen, weil deren Maschinen als besonders geeignet für Fahrten im Hügelland galten. Aber schon bald war eine einheimische Lokomotive da: die Maschinenbaufirma Henschel und Sohn in Kassel konnten der Nordbahn am 29. Juli 1848 die Fertigstellung ihrer ersten Lokomotive melden, die Carl Anton Henschel und der englische Ingenieur James Brook nach amerikanischem Vorbild konstruiert hatten. Sie kostete 15686 Taler und erhielt den Namen Drache. Ihr mühseliger Transport durch die Straßen Kassels nach dem Oberstadt-Bahnhof war eines der Abenteuer jener Tage, bevor die Lokomotive ihre Probefahrt nach Gerstungen antrat.

Die Reisezüge auf der neuen Strecke verkehrten mit einer Durchschnittsgeschwindigkeit von 40 km stündlich; die Güterzüge schafften ein Viertel weniger. Der hessische Verkehr war damit merklich schneller als bei den preußischen Bahnen, die nur 30 bzw. 15 Stundenkilometer erreichten.

An der Oberweser hatte man diesen Bahnbau von Anfang an mit großem Interesse verfolgt. In ihrem Jahresbericht vom 3. Juli 1847 nannte die 1842 gegründete Vereinte  Weser-Dampfschiffart ( V. W . D. ) Hameln, neben den bald danach vollendeten Strecken zwischen Köln und Berlin sowie zwischen Bremen und Hannover besonders die "Eisenbahn von Frankfurt nach Carlshafen" : "Nach deren teilweise für nächstes Jahr in Aussicht stehenden Vollendung ist Belebung des Verkehrs auf der Weser mit Sicherheit vorauszusehen." Ein Bericht vom 8. Juli 1848 ergänzte: "In Beziehung auf diese Bahn bedarf es nur der Hinweisung, daß selbst eine sehr geringe Passagier-Frequenz auf der Eisenbahn genügen wird, um den Dampfschiffen lohnende Beschäftigung zu gewähren. Auch muss der Güter - Verkehr von und nach Carlshafen sich in bedeutender Masse notwendig vermehren, von welchem ein großer Teil der Dampfschifffahrt zu Gute kommen wird . "

Diese Zahlen von der Entwicklung des Personenverkehrs der Dampfschifffahrt auf der Oberweser bis 1854, dem besten Jahr der V. W . D. zeigen deutlich, daß die beträchtliche "Belebung des Verkehrs auf der Weser" sehr wesentlich der in Karlshafen endenden "Carlsbahn" zu danken war, die viele Passagiere der Dampfer von Münden nach dem hessischen Hafen abwandern ließ. Besonders die Auswanderer, die meist aus dem Hessischen kamen, wählten nun den Weg über Karlshafen, um von dort per Schiff nach Bremen zu reisen, teilweise auch nur bis nach Preußisch Minden, von wo ab 1848 auch eine Bahnverbindung nach Bremen bestand.

Der großen Nachfrage entsprechend, wurde der Fahrplan der Dampfer auf der Oberweser eingerichtet: "Abfahrt von Carlshafen nach Hameln Morgens 11 1/2 Uhr, nach Ankunft des 11 1/4 von Cassel resp. Eisennach  und Marburg ankommenden Eisenbahnzuges. " Ähnlich wurde die Bergfahrt ab Hameln gelegt; der um 5 Uhr  früh vor dort abfahrende Dampfer erreichte Karlshafen zwischen 2 und 3 Uhr Nachmittags vor Ab an des 4 1/4 abgehenden Bahnzuges nach Cassel, Eisenach usw . " Wie wichtig dies war, zeigte sich bald.

Zunächst verdoppelte sich die Zahl der nach Karlshafen zu Berg fahrenden Schiffsreisenden auf 5003, während   1685 Passagiere Münden als Ziel hatten. Über die Hälfte dieser Fahrgäste kam stets aus Hameln, Holzminden und Höxter Als nach einer Fahrplanänderung der "Carlshafen" der Bergdampfer keinen unmittelbaren Anschluss mehr in Karlshafen erreichen konnte, ging der Verkehr als bald zurück und schrumpfte bis 1854 auf 3243 Fahrgäste .

In der Entwicklung des Güterverkehrs auf der Oberweser ließ sich der Erfolg der neuen Eisenbahnlinie nicht weniger deutlich erkennen. Die detaillierten Übersichten der Hamelner V. W . D. bieten zwar nur einen Ausschnitt aus dem Gesamtverkehr auf der Weser, sie spiegeln aber die Tendenz eindeutig, wie die Zusammenstellung beweist.

Die Frachtgüter - das Passagier-Gepäck ist nicht mitgezählt - gingen talwärts zumeist nach Bremen; in einigem Abstand folgten mengenmäßig Hameln, Minden und Vlotho als Bestimmungsorte .

Der Schiffsversand nach Karlshafen, also die Güterankunft in diesem hessischen Hafen, verlief ähnlich, wenn auch in dieser Relation Münden nicht in dem gleichen Maße in das Hintertreffen geriet. Von 1849 bis 1854 verdreifachte sich in Karlshafen die Menge der von den Dampfern und ihren „Anhängschiffen“ gelöschten Güter; der Seehafen Bremen war auch hier regelmäßig mit sechzig bis siebzig Prozent beteiligt.

Karlshafen war also durch die Eisenbahn - und ihr Zusammenwirken mit der Dampfschifffahrt - eine belebte Stadt geworden. Unter den Aktionären der V. W. D. wurde sogar bald die Forderung laut, den Schiffsverkehr mit Münden ganz einzustellen. Aber die Direktion erklärte, daß "unbeschadet der hervorragenden Wichtigkeit von Carlshafen und der dort mündenden Eisenbahn die Gesellschaft unverständig handeln würde, wenn sie nicht auch den täglichen Verkehr mit Han. Münden und den Zwischenstationen beibehalten wollte".Sie hatte dabei die fernere Zukunft im Auge, die keineswegs günstig aussah.

Schon während sich in Karlshafen das Aufblühen von Handel und Verkehr in den Anfängen abzeichnete, wußte man in der Stadt, wußte man an der gesamten Oberweser, daß bald alle Erfolge wieder in Frage gestellt werden könnten. Die hannoversche Staatsregierung hatte einem Projekt zugestimmt, das für das Oberwesergebiet bis in die neueste Zeit hinein von entscheidender Bedeutung sein sollte, dem Bau der Eisenbahnlinie von Hannover über Göttingen nach Kassel. Es war klar, was die Verwirklichung dieser Absicht für das Wirtschaftsleben an der Oberweser, besonders auch für die Binnenschifffahrt, bedeuten würde: Stillstand wenn nicht gar empfindlichen Rückgang.

In Hameln tröstete man sich bei der Reederei zwar noch 1848 damit, "daß der Bau der Südbahn von Hannover nach Münden, von welcher Nachteile für die Rentabilität der Strecke oberhalb Hameln besorgt werden, bis zu besserer Gestaltung der Finanzlage und des Geldmarktes ausgesetzt ist", und das schien zu bedeuten: für längere Zeit. Aber schon 1849/1850 wurde in Hannover der Eisenbahnbau endgültig beschlossen und alsbald in Angriff genommen, Kilometer um Kilometer schob sieh die neue Strecke Leine aufwärts nach Süden vor. Diese Südbahn entstand auf hannoverschem Gebiet, da sie "für den inländischen Verkehr", also innerhalb des welfischen Königreiches, vorgesehen war, so daß schon aus diesem Grunde die Schaffung einer durchgehenden Wesertalbahn damals nicht in Betracht kommen konnte.

Im Bericht der V. W, D, für 1850 hieß es erstaunlicherweise: "Die ängstliche Frage: was aber soll werden, wenn die Südbahn fertig sein wird, hier ausführlich zu beantworten, würde verfrüht sein," Immerhin fehlte aber nicht das Zugeständnis, daß "die Vollendung der Eisenbahn bis Han. Münden einen tiefen Eindruck auf die Dampfschifffahrt, namentlich hinsichtlich des Personenverkehrs, hinterlassen" werde. Nur zu bald bewahrheitete sich diese Befürchtung. Ja, es kam schlimmer, als man zunächst noch hatte glauben wollen.

Als die Südbahn, über Dransfeld gebaut, 1856 in Münden angekommen war, sank die Zahl der Schiffs-Fahrgäste ruckartig ab, Zwischen Münden und Hameln hatten 1854 fast 31 000 Reisende die Dampfer der Oberweser benutzt; 1856 waren es nur noch 19 613, davon 1431 ab Münden und 5115 ab Karlshafen.

Einige Jahre hindurch hielt sich noch der Güterverkehr auf dem Fluß, aber für Karlshafen kam es nach dem Beitritt des Königreiches Hannover zum Deutschen Zollverein im Jahre 1854 auch hier zu empfindlichen Rückschlägen. So konnte Münden seine alte, wichtige Stellung in der Binnenschifffahrt der Weser ganz zurückgewinnen, während die Stadt der hessischen Landgrafen und Kurfürsten als Umschlagplatz bald verödete. Der Traum von der Bedeutung der Eisenbahnlinie Frankfurt am Main - Karlshafen, den Zeitungen vorher in schönen Artikeln genährt hatten, war zu Ende. Die "Carlsbahn" wurde mehr und mehr zu einer Strecke für den Lokalverkehr, einer etwas romantisch anmutenden Nebenbahn.

Ein Jahrhundert nach dieser Episode, die als eines der letzten Beispiele kleinstaatlich-deutscher Verkehrs- und Wirtschaftspolitik und -lenkung noch heute Interesse beanspruchen darf, war der Binnenschiffsgüterumschlag in Karlshafen auf ein Minimum abgesunken; Münden hingegen kann trotz der 1945 eingetretenen Trennung von seinem einstigen thüringischen Einzugsgebiet bei guten Wasserständen immer noch mit stattlichen Umschlagzahlen aufwarten,

Dennoch hat die vorübergehende Blütezeit als Handelsplatz für Karlshafen eine bleibende Bedeutung behalten, In jenen fernen Jahren zuerst entwickelten sich zwischen Bremen, der gewichtigen Hansestadt am Unterlauf des Stromes, und Karlshafen, der kleinen hessischen Oberweserstadt, mannigfache Beziehungen, die weit über wirtschaftliche Belange hinausreichen, Bremer Kaufleute entdeckten in Karlshafen einen verlockenden Ort für Tage der Ruhe und Erholung. Mancher von ihnen siedelte sich sogar hier mit einer Sommervilla an, und damit eigentlich wurde eine Entwicklung eingeleitet, die der so ganz anders gemeinten Gründung des Ländgrafen Karl den Weg in eine neue Zukunft eröffnete.

Karlshafen, als "Fabrik- und Handelsstadt" gedacht gewesen, wurde dank seiner reizvollen Lage mehr und mehr die von weither gesuchte Ferienheimat für Tausende, und wieder - wie einst - drängen sich während der Sommermonate in der nördlichsten Stadt Hessens und des Landkreises Hofgeismar am Landeplatz der weißen Fahrgastschiffe die ankommenden und die an Bord gehenden Reisenden, nur freilich: Die „Carlsbahn“ hat hieran keinen Anteil mehr.

 

Hochwasser am 25. November 1890

von Emil Siedentopf 

Der 25. November 1890 ist in der Geschichte von Helmarshausen ein unheilvoller Tag gewesen.Schon acht Tage vorher ging reichlicher Regen nieder, so dass die Diemel sehr schnell anschwoll und ein Austreten aus ihren Ufern wohl zu erwarten war, aber nicht an eine derartige Überschwemmung, wie sie tatsächlich an diesem Tage eintrat, gedacht werden konnte.

An Überschwemmungen der tiefgelegenen Stadtteile, namentlich im Frühjahr bei Schneeschmelze, waren die Einwohner gewöhnt, mit den höher wohnenden Haus- und Hofbesitzern war für den Fall solcher Überflutungen ein Unterstellen des Viehes in ihren Räumen vereinbart.

Ich war Pächter des Rittergutes Helmarshausen und der dazugehörenden Vorwerke Hainhof – Hasselhof und versäumte an dem betreffenden Tage nicht, rechtzeitig 16 Zugochsen nach dem hochgelegenen Hasselhof treiben und, soweit wie möglich, das übrige Vieh in den höher gelegenen Stallungen des Gutshofes unterbringen zu lassen, so da? der damalige Bürgermeister Karl Hille und der Landwirt Wilhelm Ries am Morgen des grauenvollen Tages meine vorsichtigen Maßnahmen besonders erwähnten. Ich beschäftigte zwei Hofmeister, und zwar einen auf dem Gutshofe und einen auf dem Vorwerk. Wurde auf dem Vorwerk gearbeitet, leitete der dortige Hofmeister die Arbeiten, wurde auf dem Gutshofe oder auf den Ländereien rechts der Diemel gearbeitet, der auf dem Gutshof wohnhafte Hofmeister.

Auf dem Vorwerk Hasselhof wurde am 25. November Roggen gedroschen, und alle verfügbaren Leute, auch der Hofmeister des Gutshofes, waren bei der Dreschmaschine beschäftigt, so das mir nur der Schweizer, der Schweinemeister und der alte Ochsenknecht, der die 16 Zugochsen nach dem Hasselhof gebracht hatte und zurückgekehrt war, zur Verfügung standen. Als vormittags die Ochsen auf dem Hasselhof ankamen, suchte der Gutshofmeister den dort die Aufsicht führenden Hofmeister zum Einstellen des Dreschen zu veranlassen; dieser lehnte aber ab, weil er von mir dazu keine Anweisung erhalten hatte. Der Gutshofmeister kam aber sofort allein zum Gute zurück, und das war ein Glück; denn ihm habe ich in erster Linie die Rettung von 12 Kühen, wie ich nachher beschreiben werde, zu danken.

Wie ich, hatten aber auch die andern tiefgelegenen Landwirte ihr Vieh in den Stallungen der höher gelegenen Besitzungen rechtzeitig untergebracht. Die Arbeiter, vielfach Hausbesitzer, die Schweine und Ziegen hielten, waren morgens noch ohne Bedenken ihrer Arbeit nachgegangen. Ungefähr dreihundert waren in der Tabak- und Zigarrenfabriken in Karlshafen beschäftigt. Durch oberhalb der Diemel niedergegangene Wolkenbrüche stieg alsbald das Wasser unheimlich schnell, und sehr bald mussten die belegten Stallungen geräumt und höher gelegene bezogen werden. Damit wurde das Unterbringen von Groß- und Kleinvieh immer schwieriger, zum Teil unmöglich, da die Stallungen das Vieh nicht mehr fassen konnten. Tiefgelegene Wohnhäuser konnten nicht mehr geräumt werden. Die die Poststraße mit der Steinstraße verbindende Straße „Neue Kirche“, die seit Menschengedenken noch niemals überflutet war, wurde nachmittags zwischen 16 und 17 Uhr nicht allmählich überschwemmt, sondern das Wasser kam plötzlich in einer Höhe von 50-60 cm und brachte beladene Mistwagen und andere schwere Lasten mit. Der Gast- und Landwirt Georg Schindewolf, der Vater des jetzigen Besitzers des Gasthauses „Zur Post“, der um 16 Uhr seine Frau, die von Kassel kam, vom Bahnhof abholen wollte, konnte noch mit seinem Wagen die schon hoch überflutete Straße beim Gasthof „Zum kalten Frosch“ passieren, doch zurück konnte er nicht mehr und wäre bei dem Versuche, noch durchzukommen, beinah mitsamt seinen Pferden ertrunken, er war gezwungen, auf dem rechten Ufer zu bleiben. Aus Vorstehendem dürfte ersichtlich sein, wie unheimlich schnell das Wasser stieg. Meine Schweine, die sich in einem hochgelegenen Stall befanden, wurden in den sehr hoch gelegenen Garten gebracht, wobei wir schon bis an die Knie durch das Wasser waten mussten. Die Pferde, schon bis an die Brust im Wasser stehend, konnten durch die Stalltür nicht mehr gerettet werden, wir mussten – der Stall war Fachwerk- auf der Südlichen Giebelseite, wo die Straße höher lag, die Gefache herausschlagen und so einen Ausgang schaffen.

In einem hochgelegenen Stall des Gutshofes hatte ich 12 Milchkühe und in einem in gleicher Höhe daneben stehenden Stall 5 Rinder untergebracht. Die Kühe konnten wir noch retten, die Rinder ertranken. Eine Frau, die allein zu Hause war, töte eine Kuh und ein Schwein, um beide nicht ertrinken zu lassen. Das sind nur einzelne Beispiele; Groß- und Kleinvieh kamen in den fluten um, Ziegen, Schweine und Kälber wurden, soweit Hilfe da war, in die oberen Wohnräume gebracht und auf diese Weise gerettet. Das Wasser stieg, wie schon gesagt, unheimlich schnell und zu einer noch nie da gewesenen Höhe. Um 20 Uhr stürzte die steinerne Diemelbrücke ein, dadurch fiel das Wasser im Ort 10-12 cm. Ein Wohnhaus in der Steinstraße wurde bis auf ein Zimmer im ersten Stock von den Fluten weggerissen. Zum Glück hatten sich die Bewohner des Hauses in dies Zimmer zurückgezogen und wurden am anderen Morgen mit einem Boote abgeholt, so dass Menschenleben nicht zu beklagen waren. Aber wie sah es nach Abfluß des Wassers in den überschwemmten Gebäuden aus? Die Wände, meistens Fachwerkwände, waren ausgespült, die Wohnungen, Keller  und Stallungen verschlammt. Die in den Kellern untergebrachten vollständig verschlammten Kartoffeln und Futterrüben wurden, damit sie nicht verdarben, zum Abtrocknen auf die Höfe und Straßen gebracht, aber in der Nacht setzte Frost ein, und was das Wasser noch nicht vernichtet hatte, vernichtete der Frost. Die Kälte hielt an und wurde so stark, das die Diemel zufror und schließlich mit holzbeladenen Wagen und mit der Dreschmaschine überfahren werden konnte. Es wurde sobald wie möglich mit den Ausbesserungsarbeiten begonnen; die ausgespülten Fachwerkwände wurden auf beiden Seiten mit Latten benagelt, man stopfte sie mit Heu und Grummet aus, um in den Zimmern wohnen und in den Stallungen das gerettete Vieh unterbringen zu können. Das abfließende Wasser nahm alles, was nicht niet- und nagelfest war, mit weg; man sah das Inventar vom Hofe abfließen und konnte nichts dagegen tun. Ich hatte in einem hochgelegenen Schuppen, der auch überflutet wurde, 100 Zentner Chilisalpeter, 100 Zentner Superphosphat und 150 Zentner gedroschenen Weizen in Säcken liegen. Von den Chilisalpeter fand ich die leeren Säcke wieder, das Superphosphat war so hart geworden, das es mit einer Chausseewalze nicht zu zerkleinern gewesen wäre; die mit Weizen gefüllten Säcke waren geplatzt und der Weizen größten Teils mit fort gespült worden, den Rest konnte ich zum Futtern noch gebrauchen. Im Wohnhause sah es traurig aus. Die großen Porzellan- und Geschirrschränke in der Küche und auf dem Flur waren umgeworfen, und alles Zerrbrechbare lag in Scherben da. Auf dem Wasser im Hause schwammen Stiefeln von Erwachsenen und Kindern. Besen, überhaupt alles, was nicht niet- und nagelfest war. Die Vorräte in Küche, Speisekammer und Keller, überhaupt alles im Erdgeschoss, waren vernichtet. Es war nach dem Abfließen des Wassers ein trauriger, wüster Anblick, und wie es bei mir aussah, so auch allgemein bei den Überschwemmten, vielfach noch schlimmer, und die Folgen waren noch trauriger, da eine große Anzahl nicht in der Lage war, neue Vorräte beschaffen zu können.

Wir bildeten einen Hilfsausschuss und auch der Kreis einen Kreisausschuss, da ja die an der Diemel liegenden Ortschaften alle mehr oder weniger gelitten hatten. Wir bekamen reichlich Spenden an Nahrungsmitteln und Kleidung, auch Geldsendungen liefen ein, und hier sei besonders betont, dass in folge eines Aufrufes in der „Magdeburger Zeitung“ namentlich die Magdeburger Gegend uns besonders reichlich unterstützte, so das die größte Not behoben werden konnte.

Über die Diemel wurde noch im Laufe des Winters eine Notbrücke gebaut, die nach eingetretenem  Tauwetter im Frühjahr den Verkehr vom linken nach dem rechten Ufer ermöglichte. Einfachheit, Sparsamkeit und Fleiß der Einwohner erwirkten in den nächsten Jahren eine schnellere Heilung der geschlagenen Wunden an Hab und Gut, wie allgemein angenommen worden war.

Ich möchte hier noch besonders das Pflichtgefühl eines Mannes hervorheben.

Der Stall, in dem bei mir die zwölf Kühe standen, grenzte an den hochgelegenen Garten und in Verlängerung der Front nach dem Hofe zu zieht sich in gleicher Höhe des ersten Stocks eine aus Bruchsteinen aufgeführte Mauer, in der sich damals eine vom Hofe nach dem Garten führende Treppe befand. Über der Stallung befanden sich die Wohn- und Schlafräume der Gespannführer, ich war daher in der Lage, von da aus die Rettung der Kühe zusammen mit meinem Hofmeister Reinemann zu versuchen. Der Stall lag eine Stufe höher als der Hof. Auf dem Hofe reichte einem mittelgroßem Manne das Wasser bis über den Kopf, im Stalle bis an den Hals. Mein Hofmeister Reinemann betrat den Stall durch ein Fenster vom Garten aus, hob die Stalltür aus, hielt einen Arm aus der Stalltür, und ich warf ihm ein Tauende mit Schleife über den Arm und das andere Ende zwei im Garten stehenden Leuten zu. Reinemann legte alsdann einer Kuh die Schleife um die Hörner, löste die Kette und schob die Kuh aus den Stalle hinaus. Diese musste nun, von den im Garten stehenden Männern am Seil geleitet, den Hof bis zu der erwähnten Treppe durchschwimmen und wurde die Treppe hinauf in den Garten geführt. Eine Stunde beanspruchte die Rettung der 12 Kühe, und eine Stunde hat der brave Hofmeister in dem kalten Novemberwasser ausgehalten. Er war völlig erschöpft, wurde entkleidet, abgerieben, in Wolle gewickelt ins Bett gebracht, bekam heiße Getränke und war am folgenden Morgen wieder frisch und munter.

Er hätte sich in dem Wasser den Tod holen können, zögerte aber keinen Augenblick, als ich ihm sagte, dass nur auf dieser Weise die 12 Kühe zu retten wären. Er hat, nachdem er noch die goldene Hochzeit gefeiert, das zeitliche gesegnet, Ehre seinem Andenken! 

                   Helmarshausen, 18. Juli 1938

                            Siedentopf,

                   Bürgermeister a. D. und Kreisschätzer. 

Das Hochwasser des Jahres 1890 

Ergänzend zu der Siedentopf`schen Niederschrift über die wirtschaftlichen Verhältnisse der Helmarshäuser Bürger um  das Jahr 1890, ist zu der größten Katastrophe, die unsere Stadt im 19. Jahrhundert betraf, noch einiges zu berichten: Schon viele Tage vorher hatte es geregnet. Dann ging am 25. November 1890 ein wolkenbruchartiger Regen nie­der, welcher das Hochwasser verursachte.

Es hatte zwar schon zwei ähnliche Hochwasserkatastro­phen gegeben und zwar am 18. Januar 1841 und im Jahre 1799, aber darüber liegen heute keine Berichte mehr vor. Nur an der Tür der Mühle in Karlshafen ist von den beiden Katastrophen noch der Wasserstand vermerkt. Nach diesen Angaben stand damals ganz Karlshafen, d. h. die niedrig liegenden Straßen, einschließlich des Hafenbeckens unter Wasser. Im Vergleich zu dem Wasserstand von 1890 muss es auch in Helmarshausen den Marktplatz erreicht und die Steinstraße überflutet haben.

Wie aus den Überlieferungen zu entnehmen ist, entgingen bei dem Hochwasser im November 1890 einige Einwohner nur um Haaresbreite einem traurigen Schicksal.

So wollte der Gastwirt Georg Schindewolf noch am Nach­mittag seine Frau mit dem Fuhrwerk vom Bahnhof abholen. Aber auf dem Rückweg kam auf der überfluteten Straße das Bauholz vom Rathausneubau geschwommen. Das Pferd scheute und verklemmte die Deichsel hinter einem Telegrafenmast. Glücklicherweise schlug sie wieder zurück, und Herr Schindewolf fuhr eilig wieder zum Bahnhof zurück. In der unteren Steinstraße wohnten die Familien Meyer und Müller, deren Wohnhaus besonders gefährdet war. Nachdem die eine Hälfte des Hauses unter dem Druck des Wassers bereits eingestürzt war und die Bewohner laut um Hilfe schrieen, ermannten sich einige besonnene und mutige Män­ner. Sie zimmerten hastig ein Floß, das mit langen Tauen von vier Mann zu der gefährdeten Stelle geleitet wurde. Auf diese Weise wurden die Bewohner buchstäblich im letz­ten Augenblick vor dem Tode des Ertrinkens gerettet.

Die Familie Ewers schlug die Wände ihrer Wohnung ein und schrie um Hilfe. Wegen der gewaltigen Strömung kam man aber nicht an das Haus heran. Es widerstand aber glück­licherweise den Wassermassen und auch diese Familie kam mit dem Leben davon .

Es wird aber auch von Einwohnern berichtet die trotz des allgemeinen Chaos ihren Humor nicht verloren. So habe Philipp Dilling seinem Schwein, das durch die reißen­de Diemel fortgeschwemmt wurde, noch nachgerufen: 

"Mog et got, wi kommet baale nah!" 

Das Schwein wurde aber in der Brehmerstraße von dem Landwirt Karl Ries aufgefangen und konnte dem Eigentümer später zurückgegeben werden. Zur Ziege, welche Herr Dilling auf den Heuboden gebunden hatte, soll er gesagt haben:

"Nu deel in ! =' ("Nun teil ein") ·

Die steinerne Diemelbrücke hatte die Fluten angestaut. Als sie schließlich dem gewaltigen Wasserdruck nicht mehr standhalten konnte, stürzte sie krachend ein und das Wasser sank in der Stadt gleich um zwei Meter.

Nach dem Hochwasser setzte starker Frost ein und die Diemel fror zu. Doch darüber hat uns Bürgermeister Siedentopf in seiner Handschrift bereits berichtet.

   

Beim Kienspan und Steinöllämpchen. 

A.      Häger 

Was wissen wir Kinder einer schnelllebigen Zeit heute noch von den Tagen unserer Groß- und Urgroßeltern? Die wunderlichsten Vorstellungen gehen schon jetzt darüber um. Da redet man von der „guten alten Zeit“, aber wer möchte sie selbst erleben.

Versetzen wir uns doch einmal in das Haus eines kleinstädtischen Handwerkers, etwa eines Schreiners oder Stellmachers. Schon um sechs am Morgen sitzt die Familie vollzählig am Tisch. Jeder löffelt mit Eifer sein „Warmbier“, das die Mutter selbst gebraut hat und verdrückt dabei einen Ranken trockenen Brotes. Jetzt ist man gut ausgeschlafen. Nun geht es in die Werkstatt. Die Arbeit ist schwer. Alles muß noch „von der Hand „ geschnitten werden, selbst die Bretter und Bohlen. Diese schneiden sie mit schweren Sägen aus den Stamm.

Die Kinder lassen das Vieh aus den Ställen, denn auf der Gasse tutet der Hirt. Am willigsten sind noch die Kühe, schwieriger sind schon die Borstentiere, und die meisten Sperenzien machen die Gänse. Die gehen im Herbst, wenn sie gut beflogen sind, auch öfter dem Hirten auf der Trift durch, fliegen hoch durch die Luft zum Städtchen und lassen den Hirten schimpfend zurück.

Die Kinder nehmen den Schieferstein unter den Arm und tappen barfuß zur Schule. Die Mutter springt schnell in den Garten, um zu säen und zu jäten. Bald muß sie ja wieder an ihren Eßtopf zurück. Es gibt Erbsen-, Bohnen-, Linsensuppe in trautem Wechsel. Wenn es hochkommt erscheinen Kartoffelpuffer auf dem Tisch oder Pellkartoffeln und Hering. Zum Hering wäre zu sagen: Wer Kopf und Schwanz kriegt, hat kein Glück, am besten ist das Mittelstück!

Gleich nach dem Mittagessen geht es dann aufs Feld. Ein jeder Handwerker hat noch seine zehn bis zwanzig Morgen Land. Die Hausfrau bringt dann den Kaffee hinaus, aber der besteht bloß aus Cichorien- oder Rübenbrüh.

Erst am sinkenden Abend geht es Heim. Nun wird das Steinöllämpchen angezündet. Bei ärmeren Leuten ist das bloß eine Ölfunzel oder der Kienspan. Es gibt meist das Standartessen der Hessen: Pellkartoffeln und Duckewerk! Die paar Würste, von den recht armseligen Schweinen muß man für die Festtage aufheben oder für die Holzfuhrleute.

Nach dem Abendbrot holt sich der Vater noch ein Werkstück in die Stube, die Frauen tragen das Spinnrad zum Lämpchen und lassen es schnurren. Wo aber noch der Kienspan brennt, da tritt jetzt der Opa in Funktion: er klopft mit einem Stöckchen das Verkohlte ab und steckt den neuen San auf, und das alle zwei Minuten. Die Leutchen aber singen bei ihrer Arbeit und erzählten sich die alten Stückerchen, bis der Nachwächter draußen die zehnte Stunde abruft. Bei aller Dürftigkeit dieses Lebens sind sie ohne Frage zufriedener und froher gewesen als wir heute sind.

 

 

Das alte Helmarshäuser Rathaus.

Dieses um 1480 erbaute diemelsächsische Fachwerkgebäude stand im Mittelpunkt des Ortskerns. Das lang gestreckte Gebäude befand sich zwischen Post- und Steinstrasse und hatte die Hausnummer 46.  Auf dem aus Bruchsteinquadern erbauten Sockel fügen sich die  vierfach vorkragenden Geschosse der Giebel an. Die Schwellbalken und Füllhölzer des Gebäudes sind rundherum mit geschnitzten Tauband versehen.  Die  Eingangstür ist etwas Rechtsseitig  versetzt. Der obere Teil der Türöffnung wurde irgendwann herausgeschnitten. Neben der Tür befindet sich ein Kasten für öffentliche Bekanntmachungen etc. An der rechten Seite  der ersten Etage ist  ein Wirtshausschild befestigt. Auf dem befindet sich ein Tisch, eine halbvolle Flasche, in der Mitte ein halbvolles Weinglas, daneben eine volle Karaffe.  Die nächste Etage wird ein Speicher gewesen sein. In der darüber liegenden Etage sieht man das große Zifferblatt einer Uhr, zwischen zwei Fenstern, mit je sechs Fensterscheiben. Auf dem stark gewölbten, unter der Last der Sandsteinplatten, bedecktem Dach sind im unteren Drittel ein Belüftungserker für den Speicher, und etwas weiter nach hinten ein Schornstein angeordnet. Auf dem Dach ein riesiger mit Brettern verkleideter, achteckiger Turm mit einer aus Schieferschindeln bedeckten Haube. Dieser Turm wurde vermutlich als Brand-, und Wachturm benutzt. Unterhalb der Dachhaube befinden sich acht Öffnungen. In der südlichen Öffnung befindet sich  eine Glocke. Diese wurde sicherlich geläutet, bei Feuer, bei einsetzendem Hochwasser,  wenn jemand verstarb, oder vor den neusten amtlichen Bekanntmachungen.  Auf der Turmspitze  eine Kugel, mit einer darüber wehenden Wetterfahne.  An der linken Hausfront wurde in späteren Jahren  ein Stall angebaut, der  aus vorhandenem Sandstein bestand. An der rechten Hausfront, in der Rathausgasse, befindet sich im hinteren Drittel noch eine Tür.  Die Fenster sind auf dieser Seite alle, bis auf das Hintere,  höher als Oberkante Tür angeordnet. Auch die darüber liegende Etage kragt, wie die beiden Giebelseiten, weit über. Das Regenwasser aus der Dachrinne bzw. aus den beiden Fallrohren wurde auf die Strasse geleitet. An der Wand befinden sich auf drei Aufhängungen, Leitern sowie einige Feuerhaken und andere Holzstangen.  Auf der Giebelseite zur Steinstrasse sind im ersten Obergeschoß auf der linken Seite zwei Fenster mit kleinen Butzenscheiben angeordnet. Hier könnte  eine Gaststätte gewesen sein. In dem linken Oberlicht erkennt man einen Krug.  Die Abbildung der pflügenden Bauern wird auch in einem anderen Fenster gewesen sein.   Auch befindet   sich, unterhalb der beiden Fenster,  eine Sonnenuhr.  Ein  Gebäude mit einem Zugang zum  Keller ist später mal an das  Rathaus gebaut  worden. Dieses ist im unteren Fachwerkbereich  mit einigen geschnitzten Rosetten und halbrunden Kreisen verziert worden. Aus den vier gleichmäßig in der Giebelfront aufgeteilten  Fenstern schauen einige Gesichter. Hinter dem Anbau befanden sich wahrscheinlich die Toiletten. Das kleine Gebäude für den Anbau, das dahinter liegende für die obere Etage und Gaststätte.  Vor dem Kellereingang steht ein Leiterwagen mit drei Fässern, der Inhalt wird  Wein oder Bier sein. Neben dem Kellereingang aufgeschichtete Eichen-, und Buchenscheiter.  Wegen Baufälligkeit wurde dieses schöne Fachwerkhaus im Jahre 1889 abgerissen.

 

Die Glocken in der Stadtkirche von Helmarshausen

 

Drei Kirchenglocken und eine Stadtglocke im Kirchturm der Kirche Helmarshausen geben den Ton an. 

Der Turm der Stadtkirche Helmarshausen war ein Wehrturm im 12. Jahrhundert. Er wurde im Mittelalter mit einem Kirchenschiff versehen und zur Stadtkirche umgebaut. Der obere Teil des Wehrturm wurde als Glockenturm umgestaltet.

Über steile hölzerne Treppen gelangt man in das Gebälk des Glockenstuhls. Hier hängen  vier  gusseiserne Glocken. Der hölzerne Glockenstuhl, sowie das andere Gebälk, bestehen aus alter Reinhardswälder Eiche. Die Glocken sind an schweren Eisenträgern befestigt. Einige alte Umlenkrollen, sowie die Löcher im Boden, bezeugen, da? früher die Glocken mit einem Seil verbunden waren und von Hand geläutet wurden.

Jeweils zwei Rundbogenfenster in jeder Seite des Turmes, ermöglichen es, das der Schall der Glocken, in jede Himmelsrichtung seinen Weg nimmt. 

Die Glocke als kirchliches Instrument 

1)     Die Glocken der Kirchengemeinde verkünden die Ehre Gottes. Sie künden Zeit und Stunde und erinnern daran, daß unsere Zeit in Gottes Händen steht. Sie sind Zuspruch des Evangeliums und behaupten den Herrschaftsanspruch Jesu Christi auf unser ganzes Leben und den Alltag der Welt. 

2)     Kirchenglocken sind vorrangig gottesdienstliche Instrumente. Die Glocken der Kirchengemeinde stehen im Dienst der Verkündigung des Evangeliums. Sie rufen zum Gottesdienst, mahnen zum Gebet und be­glei­ten das Beten. Während des Gottesdienstes weisen sie auf bestimmte Vorgänge (z. B. Vaterunser, Taufe) hin und rufen auch die nicht am Gottesdienst Teilnehmenden zum Gebet auf. 

3)     Die Glocken weisen hin auf die Feste der Kirche und auf besondere Ereignisse im Leben der Gemeinde (wie Taufe, Trauung, Konfirmation, Ordination und Einführung, die festliche In­dienst­nah­me neuer Glocken). 

4)     Sie begleiten die Glieder der Gemeinde in Freud und Leid, im Leben und im Sterben, aber sie Läuten nicht zur Ehre eines Men­schen. So ist auch das sogenannte "Überläuten" aus Anlaß des Todes eines Gemeindegliedes Aufruf zur Fürbitte. 

Die neuen Glocken. 

Die zwei jüngsten gusseisernen Glocken aus dem Jahre 1968 sind bereits mit Grünspan angelaufen. Diese Kirchenglocken hängen links und rechts neben der alten, doppelt so großen Kirchenglocke, die in der Mitte des Kirchturms ihren Platz einnimmt..

Diese beiden Glocken wurden auf Empfehlung des Kapellmeisters S. Hardege aus Kassel in der Glockengießerei der Gebrüder Häncker in Sinn, in den Tönen  a`  und h` gegossen. 

Die Werkprüfung der neuen Glocken wurde am 4. September 1968, die abschließende Turmprüfung am 24. Oktober 1968 durch den Kapellmeisters S. Hardege aus Kassel vorgenommen. Nach seiner Aussage besitzt jede Glocke  im Einzelgeläut einen vollen, runden und strahlenden Klang. Der Zusammenklang ist überaus ansprechend und ergibt ein sehr eindruckvolles und lebendiges Zweiergeläut. 

Die umlaufenden Schriften der neuen Glocken: 

Die größere Glocke mit einem Gewicht von 514 kg trägt die Worte: 

  • DEIN NAME WERDE GEHEILIGT + als Symbol das Kreuz auf der Weltkugel

Die kleinere Glocke mit einem Gewicht von 388 kg trägt die Worte 

  • LASSET DIE KINDLEIN ZU MIR KOMMEN + als Bildwerk eine Taube

                     

Die älteste Kirchenglocke ist aus dem Jahre 1587 

Diese Glocke dominiert durch ihre Größe. Die Höhe 1,19 m, 6 Aufhänger von 21 cm Höhe. Der Durchmesser ebenfalls 1,19 m und die untere Wandstärke beträgt 11 cm. Das Gewicht ca. 950 kg.. Sie hängt fast in der Mitte des Glockenstuhls.

Sie hat zwei umlaufende Schriftbänder die gut zu lesen sind. 

Auf dem oberen Schriftband steht folgendes: 

  • HANS KELNER   DANIEL MEI   HINRICK BISSCHVP     MEISTER HANS VOGELMAN   GLOCHGENGETER  ZV PATERBARKEN

Hans Kelner, Daniel Mai, Heinrich Bischof  Meister Hans Vogelman Glockengießer zu Paderborn. 

Auf dem unteren Schriftband ist zu lesen: 

  • 1 . 5 × 8 × 7         × HER × STEPHANVS MANTELIVS × ITZIGER × PFAR × HER × 

                                        ZV × HELMARSHVSEN ×       I × F × B × B × D × L L × S × P    .. 

1587 Herr Stephan Mantel – jetziger Pfarrer zu Helmarshausen.           

Eine Abbildung auf dem unteren Drittel der Glocke: 

  • Jesus am Kreuz, unter seinen Füßen ein Totenkopf und zwei gekreuzte Knochen.

Darunter noch eine Inschrift: 

  • HANS × I A N A S ×                    

„Die Stadtglocke.“ Ihr Name ist Anna. 

Diese Glocke stammt aus dem alten Rathaus in Helmarshausen das um 1480 erbaut und 1890 wegen Baufälligkeit abgerissen wurde. Auf einem Bild kann man sie im alten Rathausturm noch sehen. Die Glocke diente unter anderem als Alarmglocke bei Feuer, plötzlich eintretendes Hochwasser, Überfälle usw. In dem 1910 neu erbauten Rathaus wurde die Glocke „Anna“ wieder aufgehangen. Bis zum Jahre 1968 läutete sie nicht nur die Mittagsstunde, sondern auch den Feierabend ein. So wussten die Arbeiter und Einwohner wie sie ihre Arbeit einzuteilen hatten. Heinrich Spatz war der letzte Glöckner in Helmarshausen. Durch Holzwürmern war die Aufhängevorrichtung der Glocke so zerfressen, das mit einem Absturz derselben zu rechnen war. Vorerst wurde das Leuten eingestellt. Als im Jahre 1971 das Rathaus verkauft wurde, wurde die Glocke ausgebaut  und im Kirchturmgebälk der Stadtkirche aufgehängt. Dort schlägt sie heute noch täglich um 11.00 Uhr. Nach alter Sitte sagen die Einwohner der Stadt, der Schuster hat gepfiffen und man solle eine wohlverdiente Rast oder Pause einlegen. 

Beschreibung der Glocke 

Der untere Durchmesser beträgt 0,70 m, der obere 40 cm.. Die Höhe ist 70 cm wobei noch die sechs Aufhängungen von 12 cm dazu kommen. Die untere Wandstärke 6,5 cm. Das Gewicht beträgt ca. 560 kg. 

Die Umlaufende Inschrift auf der Glocke: 

ANNA BIN JK GEHE HETI ` DE VA HELMARSHUSA LETE MJ HETE HIR ` KORK KORL  ANNO DM  M * CCCCC * XX III  

Anna bin ich geheißen – die von Helmarshausen ließen  mich gießen hier – Kork Korl (Karl) Anno domini (im Jahre des Herrn) 1523. 

 

Die Mönche schieben Kegel! 

Eine Kleine aber wahre Geschichte hat uns der ehemalige  Bürgermeister von Helmarshausen, Emil Siedentopf, hinterlassen Das alte Kloster war in eine Schule umgewandelt worden. Die geräumigen Dachböden aber hatte Siedentopf als Kornspeicher gepachtet.Es mag wohl so um das Jahr 1890 gewesen sein, als eines Tages, der zweite Lehrer, zwei Bekannte als Gast bekam, die auch bei ihm übernachteten.Morgens um 5 Uhr begann s über ihren Köpfen zu rollen und zu poltern und wollte gar nicht aufhören. Jedenfalls war es ganz unheimlich. Ängstlich lauschten die Gäste. In einem alten Kloster spukt es eben. Die alten Mönche schieben Kegeln. Nur so konnte es sein. Man versuchte weiter zuschlafen aber es gelang nicht recht. Andern Tags stellte sich der Spuk als harmlos heraus. Emil Siedentopf hatte Getreide in Säcke gefüllt, und schob diese mit einer Sackkarre bis zur Treppe.

 

Die Verrohrung der Hainbach.

 Mit der Verrohrung der Hainbach versinkt wieder ein Stück von Helmarshausen.

 Seit einigen Jahren verändert sich unser Ortsbild. Neue Häuser werden gebaut, die Poststraße dem jetzigen Verkehr angepaßt. Auch unsere Hainbach wurde modernisiert. Ein kurzes Stück verläuft er in einer angemessenen Rohrleitung. Vorbei ist längst die Zeit, in der er den Teich auf dem jetzigen Krankenhausgelände gelegen, mit Wasser versorgt hat. Kurz vor seiner Mündung in die Diemel hatte er noch das Mühlrad am Hagen (Haus Höge) gedreht. Bei der Kirche wurde ein Teil abgeleitet und durcheilte munter die Poststraße. Für die anwohnenden Hausfrauen war es eine angenehme Sache. Die Kartoffeln und sonstige Zutaten für den Schweinetopf wurden gleich vor der Haustür ausgewaschen.

            Bei der großen Wäsche war „die Bache“ eine große Hilfe, sie ersparte den Anwohnern Mühe und Kosten. Noch vor mehr als hundert Jahren muß die Hainbach eine dauernd größere Wassermenge zu Tal geführt haben. Darüber berichtet Herr Christian Döneke: Im Jahre 1856, den 14. August hat der allmächtige Gott unser Niederfeld mit Hagelwetter heimgesucht, daß auch gar nichts als ein bißchen Stroh blieb, wo noch in denselben Jahr den Sonntag vor Pfingsten auch solch Gewitter war, daß die Stadt Helmarshausen in Wasser stand und ein Knabe von 9-10 Jahren in der Hainbach ertrunken ist.   

 

Geschichte über die Bäckerzunft in Helmarshausen. 

Die Bäckerzunft in Helmarshausen beschloß, zur Erinnerung an das Geschehen alljährlich für den ersten Adventssonntag eine große Honigbrezel zu backen und sie in feierlichem Umzug durch die Straßen zu tragen.

Bis zum Dreißigjährigen Krieg hat sich diese Sitte erhalten. Heute weiß kaum jemand noch von ihr.

Geschichtliche Tatsache ist, daß das Rezept für den Honigbrezelteig, - Zucker kannte man damals noch nicht - aus dem Morgenland stammt und von heimkehrenden Kreuzfahrern im Deutschen Reich eingeführt wurde. 

Honigkuchen

Von außen starre Süßigkeit

Und jene rauhe Glätte,

Als wenn es morgens erst geschneit,

Und dann gefroren hätte.

Nach innen wunderliches Netz

Von bernsteingelben Waben.

Durch das die Bienen ihr Gesetz

Im Teig bestätigt haben.

Und auf der Zunge alles dies!

Bild, Duft und Klang und Sage,

Aus dem Erinnerungsparadies

Der schönsten Weihnachtstage 

Das Benediktinerkloster Helmarshausen an der Weser wurde vor über tausend Jahren (997) von Kaiser Otto III. und Papst Gregor V. gegründet. Ungefähr 100 Jahre später schrieben seine Mönche für den Sachsenherzog Heinrich den Löwen (1129-1195) das berühmt gewordene Evangeliar, das vor einigen Jahren für viel Geld aus England zurückgekauft werden konnte und sich nun in der Wolfenbütteler Landesbibliothek befindet.

Die Schreib- und Malkunst der Mönche bot ihnen und der inzwischen nahebei angesiedelten namensgleichen Ortschaft keinen Schutz vor Feinden. Sie kamen über die Weser, raubten und plünderten was ihnen gefiel. Erst nachdem der Kölner Erzbischof Engelbert im Jahre 1220 die Krukenburg hatte bauen lassen, waren Kloster und Ortschaft einigermaßen sicher .

Der erste Burgherr, Konrad von Bebern, blieb nicht lange auf dieser Festung. Er heftete sich das symbolischen Kreuz der Ordensritter auf Schild und Harnisch und ritt mit Kaiser Barbarossa ins Morgenland. Die Sarazenen hielten die heilige Stadt Jerusalem besetzt. Sie sollte aus den Händen der Andersgläubigen befreit werden . Auch sein Knappe Hans Hagen zog mit ihm .

Ungefähr nach drei. Jahren kehrten die beiden in die Heimat zurück. Der Knappe Hans Hagen versorgte die Pferde und lief ins Dorf, um sein geliebtes Mädchen, eine Bäckertochter, in die Arme zu schließen. Sie hatte ihm beim Abschied nehmen die ewige Treue versprochen. Auch er war ihr trotz aller abenteuerlichen Erlebnisse treu geblieben.

Als er dann vor dem Bäckerhause stand, erschrak er über die Zeilen einer Inschrift. Er las: "Gott laß mir nich to Skanden werden. Dat sik miene Bien nich sien frowen werd" . (Gott erspare mir die Schande. Dass meine Bien nicht seine Frau werden muß.) Die Sätze hatten noch nicht dort gestanden, als er fortgegangen war.

Vom Nachtwächter, einem Bekannten aus früheren Tagen, erfuhr er, daß der Stadtvogt Hilmar von Diemel die schöne Bäckertochter habe heiraten wollen, das Mädchen seinen Antrag aber abgelehnt hatte. "Nur der Knappe Hans Hagen wird mein Gemahl, ihm versprach ich die Treue", hätte sie zu ihm gesagt. Da hatte sich der Vogt beleidigt gefühlt und voller Zorn über die Absage aus Rache begonnen, vom schlechten. Gebäck ihres Vaters, des Bäckermeisters, zu reden. Schließlich hatte er ihn wegen zu geringen Gewichtes seiner Brote beim Zunftgericht verklagt. Alle von den Zünften festgesetzten Maße und Gewichte galten im Mittelalter als strenge Vorschrift und jede Nichteinhaltung war ein Verbrechen und wurde bestraft. Die zu leichten Brote, die als Beweise für des Meisters Unredlichkeit gezeigt wurden, sollte der Diener des Vogtes in den Laden des Bäckermeisters geschmuggelt haben. Für den nächsten Tag schon, den ersten Advent, pünktlich um drei Uhr war das Zunftgericht angesetzt. Der für schuldig befundene Meister würde als Strafe für seinen Betrug geschändet werden. Man würde ihn "kippen". Das bedeutete, daß man ihn dreimal in den Fluß tauchen würde.

"Er überlebt das nicht, denn er ist alt. Wie kann man ihm denn nur helfen", jammerte der Knappe Hans Hagen. Nun erfuhr er, daß verschiedene Zunftmeister beim Erzbischof Engelbert von Köln um Gnade für den Meister gebeten hatten, und dieser sei angeblich auch für einen Erlaß der Strafe. Allerdings nur, wenn es dem Meister gelingen würde, um drei Uhr Backwerk zu liefern, das köstlich sei und das noch keiner im Lande kenne und gegessen habe. Doch das sei nicht zu schaffen, und darum sei der Beschluss des Erzbischofs alles andere als Gnade.

Hans hatte im fernen Damaskus einem Zuckerbäcker bei seiner Arbeit zugeschaut. Dann hatte er dessen Backwerk probiert, und es hatte ihm wunderbar geschmeckt. Er kannte die Zutaten und wußte, daß es sich bis zum nächsten Tag herstellen lassen würde. Eilig rief er den Bäckermeister und seine Liebste aus dem Haus, küßte sein Mädchen lange und innig und verriet ihnen sein Backvorhaben. Dann ging`s ans Backen.

Als am Adventsonntag die Vertreter des Erzbischofs sowie der Vogt und viel Volk auf dem Marktplatz versammelt waren, überreichte der Meister einen Korb seiner Backware. Die Herren probierten, waren entzückt und waren hoch zufrieden. Das zu Brezeln geformte feine Gebäck hatte noch niemand jemals gegessen und war allen unbekannt. Der Meister hatte die Bedingungen des Erzbischofs erfüllt; er wurde begnadigt und nicht ins Diemelwasser "gekippt"..

Nachdem der Diener des Vogtes seinen Brotschmuggel gestanden hatte, war auch die Ehre des Meisters wieder herbestellt..

 

 

Geschichtliches aus der Entwicklung des Postamtes Helmarshausen seit der Jahrhundertwende. 

(von Julius Kühnemann) 

Auf Wunsch unserer Heimatdichterin, Frau Käte Frei (K. F.), will ich etwas über die Entwicklung des Postamtes aus dem Gedächtnis niederschreiben. 

Um das Jahr 1900 hatte das heutige Postamt die amtliche Bezeichnung:

„Kaiserliche Postagentur".

Zu ihrem Bezirk gehörte neben der Stadt Helmarshausen auch das Rittergut  „Hasselhof“ und das etwa 8 km entfernt liegende Dorf Langenthal. Die Agentur wurde damals noch nebenberuflich durch einen von der Oberpostdirektion vereidigten „Postagenten“ verwaltet. Das war um diese Zeit der Landwirt und Bürgermeister Karl Hille, der aber neben seiner anderen Tätigkeit als Landwirt und Bürgermeister die Postgeschäfte nicht erledigen konnte und sich daher hierfür eines von ihm eingestellten jungen Mannes bediente. Lange Zeit hat der körperbehinderte Sohn des früheren Zugführers Kaiser aus Karlshafen die Geschäfte geführt, bis er zu Krupp in Essen überwechselte und dann ein Schwiegersohn des früheren Hegemeisters (Förster) Kallmeyer an seine Stelle trat.

Die Diensträume befanden sich in dem alten ,vor einigen Jahren abgerissenen Hille`schen Hause am Marktplatz neben dem heutigen Textil-Haus Stahlhut.

Mit Wirkung vom 1. Januar 1913 wurde mein Vater, Philipp Kühnemann, mit der hauptamtlichen Verwaltung der „Kaiserlichen Postagentur“ beauftragt. Für den Zustell- und Abfertigungsdienst standen ihm 2 beamtete Postschaffner und zwar Heinrich Hentze, ein Cousin meiner Mutter, und Fritz Schweitzer zur Seite. Die Diensträume verblieben zunächst weiterhin im Hille' schen Hause am Marktplatz, bis der auf Initiative meiner Mutter errichtete Neubau des Hauses in der Bahnhofstraße Ende Dezember 1913 fertiggestellt war. Die Verlegung der Post aus der Stadt zur Bahnhofstraße hatte meine Mutter bei der Oberpostdirektion erwirkt, weil damit der Weg für die Postschaffner zur Abfertigung und Annahme der Postgüter zu den Zügen verkürzt wurde. Die Post war damals fast ausschließlich die einzige Nachrichtenübermittlungsstelle, denn Rundfunk und Fernsehen gab es noch nicht und Telefonanschlüsse waren neben der Post kaum mehr als 3 vorhanden (Bürgermeisteramt, Mühle und Kaufhaus Hohenberg). Die Wetternachrichten wurden daher täglich durch die Post an einer schwarzen Tafel, die an der Außenfront des Hauses hing, bekannt gegeben. Auch für die Weitergabe des Mobilmachungsbefehles im Kriegsfalle war die Post zuständig. Im Tresor der Post befand sich als „Geheime Verschlusssache“ ein großer versiegelter Brief mit den verschiedensten Vorschriften und Gesetzen im Kriegsfalle, der nur auf besonderen Befehl geöffnet werden durfte.

Der Verfasser hat noch die Ende Juli 1914 anlaufenden Kriegsvorbereitungen mit unbeschränktem Tages- und Nachtdienst bei der Post und Stadtverwaltung und die telefonische Durchsage der befohlenen Mobilmachung am 1. August nachmittags miterlebt und den Mobilmachungsbefehls der bei der Post in der „Geheimen Verschluss-Sache" verwahrt war, persönlich beim Bürgermeister abgegeben.

Ein anderer, schon seit einigen Tagen bei der Post „für besondere Aufgaben" angestellter Bote mußte den Befehl zum Bürgermeisteramt Langenthal bringen. 1. Mobilmachungstag war der 2. August. Mit diesem Tage wurde auch der Postdienst eingeschränkt, zumal Postschaffner Schweitzer schon in den ersten Tagen einrücken musste. Der Nachmittagszustelldienst fiel aus. Postschaffner Hentze hatte nun vormittags in Helmarshausen und nachmittags in Langenthal die Post zuzustellen. Sonntags mußte mein Vater im Wechsel mit Postschaffner Hentze Zustelldienst in Helmarshausen und Langenthal übernehmen. Solange ich noch zu Hause war, habe ich das für meinen Vater getan.

Mit der Verkraftung der Post d. h. - Wegfall der Bahnbeförderung der ankommenden und abgehenden Post und Übergang auf Kraftwagentransport - Anfang der Zwanzigerjahre wurde die Posthilfestelle Langenthal abgetrennt und postmäßig von Hofgeismar mittels Kraftwagen versorgt. Das Austragen an die Postempfänger übernahm ein ortsansässiger Hilfsbriefträger.

Zur gleichen Zeit wurde Postschaffner Schweitzer an das Postamt Karlshafen versetzt und bald darauf ging auch Postschaffner Heinrich Hentze in Pension. Es folgten ihm dann als Briefträger und später als Postschaffner Heinrich Diederich, der im 2. Weltkrieg gefallen ist, Willi Haber, seit einigen Jahren verstorben und unsere liebe allen bekannte „Postliesel", Frau Nolte, die auch heute noch als Oberpostschaffnerin treu und brav ihren Dienst versieht.

Nachdem mein Vater aber schon längst das pensionsfähige Alter überschritten hatte, übernahm Mitte der Dreißigerjahre meine Schwester Else Kühnemann, die inzwischen in "Poststelle'" unbenannte Verwaltung der Post in Helmarshausen. Mit Ausbruch des 2. Weltkrieges mußte sie neben der Verwaltung auch Zustelldienst übernehmen, was ihr manchmal sehr schwer gefallen ist. Nicht lange war ihr die Freude am Postdienst beschieden; schon im Laufe des 2. Kriegsjahres wurde sie von einer heimtückischen Krankheit heimgesucht und mein Vater mußte im Alter von über 70 Jahren wieder einspringen, bis am 1. 2. 1943 der schwer verwundete und heutige Leiter des Postamtes, Karl Westphal, das Amt übernahm. Die Post blieb vorläufig im Haus Kühnemann und wurde erst im April 1946 in das Haus Steinstraße verlegt.

1950 wurde unsere Poststelle „Zweigpostamt“ und 1958 Postamt. Hiermit verbinde ich den Wunsch, dass es Karl Westphal vergönnt sein möge, noch lange Jahre bei bester Gesundheit im Postdienst zu wirken.  

 

Die Entstehung unseres Ortsnamens Helmarshausen. 

Neue Forschungsergebnisse über die Matrone Helmburg als Gründerin unserer Stadt. 

Nach den letzten Forschungsergebnissen ist es auf ganz andere Weise als bisher angenommen, zu der heutigen Schreibweise des Ortsnamens "Helmarshausen" gekommen.

Die eigentliche Geschichte dieses Namens, der im Laufe der Jahrhunderte vielen Verwandlungen unterlag, beginnt mit den ersten erhaltenen und übersetzten Urkunden. Vor diesen hat sich inzwischen ein großer Teil als teilweise plumpe Fälschungen erwiesen. Von wem und zu welchem Zweck diese Fälschungen ausgeführt wurden, konnte bisher noch nicht genügend aufgehellt werden.

In einer Schenkungsurkunde König Otto I. (seit 963 Kaiser) wird im Jahre 944 erstmalig die "Villa Helmerateshusa" erwähnt. Otto I. schenkte dann später der Matrone Helmburg königseigenes Land und von diesem Zeitpunkt ab entstand der Ortsname "Helmeratseshusa", d. h. Häuser der Helmerat.

Ob diese Häuser schon vorhanden waren und in welcher Form, ist ungewiss. Es können ebenso gut armselige Fischerhütten oder stattliche befestigte Häuser, zum Königshof gehörend, gewesen sein. Ebenfalls ist die ursprüngliche Lage ungewiss. In Betracht kommt nur das Gelände der ehemaligen Abtei oder eine Ansiedlung am Fahlenberg. Vom wirtschaftlichen Gesichtspunkt aus gesehen, liegt der Fahlenberg wohl günstiger als das Gelände in der Diemelschleife. Dort oben könnten wohl auch am ehesten die Anfänge des später mit Markt und Münzrecht ausgestatteten Ortes zu suchen und auch zu finden sein.

Die Matrone Helmburg entstammte dem Adelsgeschlecht der Ecbertiner, die als nahe Verwandte Karls des Großen angesehen werden. Helmburg soll etwa um 900 im Gebiet der oberen Weser und der Diemelmündung geboren sein. Sie heiratete den Grafen Ricbert aus der Sippe der Harzgrafen und hat ihm bis zum Jahre 940 acht Kinder geboren. Drei Söhne und fünf Töchter. Zwei ihrer Söhne sind früh gestorben. 941 wurde sie Witwe.

Der Historiker Dr. H. W. Krumwiede hat nachgewiesen, daß Helmburg dem Geschlecht der Ecbertiner entstammt. Es ist daher nicht zu verwundern, daß bei der Landvergabe durch 0tto I. insbesondere die engere Verwandtschaft und treue Gefolgsleute berücksichtigt wurden.

Die Matrone Helmburg bekam im Jahre 944 umfangreiche Ländereien in Fischbeck, Würgassen, Helmarshausen, Gottsbüren und Beberbeck geschenkt. Durch Erbschaft waren ihr auch Ländereien in und um Hilwartshausen zugefallen. Im Jahre 955 gründete sie das Kloster Fischbeck und als tatkräftige und rüstige Frau übernahm sie die Leitung des Frauenstiftes, ohne als Äbtissin geweiht zu sein. Ihre Tochter Alfheid wurde später dann die erste geweihte Äbtissin im Kloster Fischbeck. Helmburg selbst wurde im Jahre 970 Äbtissin vom Nonnenkloster Hilwartshausen. Zwei ihrer Töchter lebten im Stift Gandersheim.

Das Leben der Matrone Helmburg, aus deren Namen sich bis heute der Ortsnamen "Helmarshausen" abgeleitet hat, war arbeitsreich, klösterlich streng und christlich. Sie starb im Jahre 973. Im Jahre 944 finden wir den Ortsnamen mit "Helmerateshusa", dann um 1000 als "Helmerardeshusen", und das Jahr 1033 als „ Helmwardeshusun", um 1262 als "Helmwordessen" und schließlich im Jahre 1593 "Helmershausen".

Über das Leben und die Familiengeschichte der Frau Helmburg, als eigentliche Begründerin der Diemelstadt, waren die vorstehenden Einzelheiten bisher nicht bekannt.

Kindheit in Helmarshausen 1904 – 1915 

von Berta Braune, geb. Mohr

Wenn die Diemel bei Warburg Westfalen verläßt, schlängelt sie sich durch die Wiesen und Feldern und die ansteigendem Wälder und Berge Nordhessens; zunächst an Trendelburg vorbei, dessen Burg am Rande des hochgelegenen Dorfes heruntergrüßt, dann begleiten sie die Ausläufer des Reinhardswaldes über Wülmersen – Helmarshausen bis Karlshafen, wo sie in die Weser mündet.

            Früher lief neben der Diemel die Bahnstrecke Kassel  -  Karlshafen her, die vor jedem unbeschrankten Bahnübergang kräftig bimmelte. 1966 wurde sie eingestellt. Wenn wir in den Ferien nach Hause fuhren, erwarteten wir sehnsüchtig die letzte Kurve unserer Bimmelbahn, wo dann das schöne Tal von Helmarshausen vor uns lag. Auf dem Berg die Krukenburg, am Fuß des Berghanges die tausendjährige Kleinstadt mit ihren Fachwerkhäusern, umschlossen von den Resten der Stadtmauer, von der noch einige Wachtürme erhalten waren. Sobald die Gemäuer der einstigen Benediktiner – Abtei sichtbar wurden, der Kirchturm neben dem rotgedeckten Fachwerk des Pfarrhauses, winkten wir mit unseren Taschentücher. Dann öffneten sich die Fenster, die großen Handtücher, die Mutter oder Vater schwenkten, leuchteten weither. Wir wurden erwartet ! Die Freude des Heimkommens erlebten meine drei Jahre ältere Schwester Margarete und ich immer neu in den neun Jahren der Schul- und Ausbildungszeit in Kassel.

In dem Pfarrhaus in der Steinstraße hatten unsere Eltern, der Pfarrer Heinrich Mohr und seine Frau Sophie, geb. Gervinus, nach ihrer Trauung in Kassel 1901 ihre Ehe begonnen. Hier sind Margarete und ich geboren. Über eine hohe Steintreppe erreichte man die Haustür im Hochparterre des Fachwerkhauses. Sie war von Akazien gesäumt und führte in den dunklen Hausflur, dessen Türen sich in unsere niedrigen Zimmer mit den braunen Deckenbalken öffneten. Aus der hinteren Flurtür brach die Tageshelle herein. Dort ging es in den ummauerten Hof, an der sich der Küchengarten anschloss. Dahinter stand die Scheune.

Sie war so unerhört wichtig, nicht nur für unser Spiel, sonder im Frühjahr oder Herbst, wenn Stürme oder Hochwasser von der Diemel her drohten. Ich sehe noch Vater und Mutter in diesen unheimlichen Nächten mit der Petroleumlampe unten durchs Haus zur Scheune gehen, um die Tür für die Kühe vom gegenüberliegenden Bauernhof zu öffnen, der tiefer lag und der Flut des Hochwassers ausgeliefert war. Alle tiefer gelegenen Häuser in der Nähe der Diemel waren dann in kürze durchflutet. Wir sahen das Wasser bis zur Mitte der Straße steigen und durch die großen Dielen gurgeln. Vater und Mutter bangten und beteten um Abwendung der Wassernot. Das alles war für uns aufregend – aber wir waren umgeben von Liebe und Geborgenheit und haben keine Angst empfunden; doch mit wachsendem Alter sorgten wir Kinder uns mit um die, die von der Gewalt des Elements betroffen waren. Mit dem Bau der Diemeltalsperre wurden die Überschwemmungskatastrophen seltener.

1911 zogen wir in das neue Pfarrhaus neben der Kirche, deren Turm aus dem 12. Jahrhundert stammte. Liebevoll legte Vater den Garten an. Sein Ginkgobaum und ein buntblättriger Ahorn wuchsen mit den Jahren heran, dazu eine gelbe Ulme, eine Rotbuche, ein Christusdorn. Im Frühjahr blühte schneeweiß die rotblättrige Prunus, und die ganze Vielfalt von Blättern und Blüten ergab zu jeder Jahreszeit ein prächtiges Farbenspiel und einen großartigen Kontrast zu der uralten Linde, die mit der Höhe des Kirchturms wetteiferte. Die Stille des Gartens wurde nur unterbrochen, wenn im Schulhof hinter dem Haus Pause war oder die lärmenden Kinder durch die Klostergasse nach Hause stürzten.

Unser Vater hatte eine Chronik von Helmarshausen für das Pfarrarchiv geschrieben. Er hatte nach seinem Theologiestudium noch zwei Semester Geschichte belegt und arbeitete sich mit großem Interesse in diese historischen Vorgänge ein. Er erzählte uns viel von unserer Benediktiner Abtei, die im Mittelalter wegen ihrer Goldschmiedekunst, Glas – und Buchmalerei berühmt war. Ich habe später in der Paderborner Schatzkammer den herrlichen Tragaltar des Roger von Helmarshausen und andere Goldschmiedearbeiten seiner Schule bewundert und bin meinem Vater heute noch dankbar dafür, daß er uns Kindern so früh Freude an Heimatgeschichte und später an Kunstgeschichte geweckt hat.

Das neue Pfarrhaus, möglichst billig mit Hilfe eines befreundeten Architekten gebaut, fügte sich gut in die alten Klosterbauten rundum. in ihnen waren Lehrerwohnungen und Schulräume untergebracht und es bestand ein freundschaftliches Verhältnis zwischen dem Pfarrhaus und den Lehrerfamilien. Mein Vater war damals noch Ostsschulinspektor.

In allen Räumen hatten wir eiserne  Öfen. Die Schlafzimmer wurden aber nur geheizt, wenn jemand krank war. Es gab dort kein fließendes Wasser, aber einen Marmorwaschtisch und bunte Waschschüsseln aus Steingut oder Porzellan mit den dazugehörigen Kannen. In kalten Wintertagen konnte man frühmorgens das Eis in der Waschschüssel einschlagen. Nur selten brachte uns Lina oder eine andere Hilfe heißes Wasser zum Auftauen.

Am Samstagnachmittag war das Haus von einer seltsamen Stille und Ruhe erfüllt. Vater saß im Studierzimmer oben und arbeitete an seiner Predigt. Wenn dann vom nahen Kirchturm die Glocken den Sonntag einläuteten, wußten wir, daß jetzt beide Eltern betend Gottes Angesicht suchten und um Hilfe und Gelingen der Verkündigung für den morgigen Gottesdienst baten. Es war selbstverständlich, daß wir dann mucksmäuschenstill waren und in Ehrfurcht warteten, bis der letzte Ton der Glocke verklungen war. Morgen- und Abendandachten mit Choralsingen gehörten zu den Eindrücken meiner Kindheit. Hier erfuhren wir etwas von Freud und Leid in der Gemeinde und vom Geschehen in der Welt, wel das ganz einfach im Gebet vorkam.

Die Eltern machten die Türen für Gäste und Gemeindemitglieder weit auf. Sie kamen angemeldet oder unangemeldet und waren immer willkommen, denn unsere Mutter war von einer beispiellosen Güte und Freundlichkeit. Sie besaß viel Phantasie, einen nie versiegenden Humor und eine ausgeprägte Kontaktfähigkeit. Sie trug die Arbeit unseres Vaters bis in alle Einzelheiten mit. Sie konnte schweigen – und sie konnte mit uns spielen!

In der alten Kirche saßen die Frauen unten, die Männer auf der Empore. Der sonntägliche Gottesdienst vollzog sich nach hessisch – reformiertem Ritus. Hier wurde ich vom Vater getauft, hier wurde ich mit fünfzehn Jahren konfirmiert und hier war 1932 unsere Trauung. Als Vater die Kirche restaurieren ließ, brachte ein Kunstmaler im Giebelfeld über dem Altar ein Bild an „Hirsch an einer Quelle trinkend“. Darunter stand in dem breiten Band um den romanischen Bogen des Altarraums kunstvoll gemalt das Wort aus Psalm 42. Wort und Bild sind für mich der Inbegriff der Sehnsucht nach Gott in meinem Leben gewesen. Wenn ich später das Wort von Kierkegaard „Gott nötig haben ist des Menschen größte Vollkommenheit“ mit in mein Leben genommen habe, so knüpft es an bei dem Bild im Giebelfeld der alten Heimatkirche: “Wie der Hirsch schreit nach frischem Wasser, so schreit meine Seele, Gott, zu dir.“

Wir Kinder mußten gehorchen, es gab keinen Widerspruch. Doch Margaretchen konnte es besser als ich. Ich hatte einen unbändigen Freiheitsdrang und fühlte mich durch Zurechtweisungen wie „das tut man nicht“ und andere gutgemeinte Anstaltsregeln eingeengt. Ich konnte mich leidenschaftlich beim Spielen engagieren, und es waren immer genug Kinder da, die auf dem Schulhof bei Völkerball, Schlagball, Räuber und Schandietz, in den Gärten und am Krukenberg, im Winter beim Schlittschuhlaufen auf den überschwemmten Wiesen an der Diemel und auf der Rodelbahn am Fahlenberg bis zur Erschöpfung mitmachten.

Der Sonntagnachmittag gehörte der Familie. Wir haben viel gespielt, im Winter um den runden Tisch Schreibspiele, Ratespiele. Mutter war ja so erfinderisch, einem Regensonntag die Langeweile zu nehmen. Ich erinnere mich an Versteckspiele durchs ganze Haus. Einmal konnten wir Mutter nirgends finden; sie hatte sich von Vater die Leiter an einen schweren Eichenbalken stellen lassen und sich oben hinter einem aufgespannten Regenschirm postiert, noch dazu in einem roten Badeanzug alten Stils! Es gab ein Freudengeheul, als wir sie dort endlich entdeckten.

Sehr beliebt war das Spiel „Schleichen“, im Dunkeln, wenn alle Türen, die die ineinandergehenden Räume verbanden, offen waren. Auch unsere Altersgenossen, die oft zu Besuch kamen, liebten diese Spiele sehr. Viel wurde gesungen und musiziert, besonders, wenn Gäste da waren. Je älter wir wurden, und nachdem wir beide eine Gitarre hatte, spielten und sangen wir bei jeder Gelegenheit, an den Sommerabenden auf unserer Veranda, beim Mondschein im Garten, bei Spaziergängen an der Diemel, und die Nachbarn hörten zu.

Längst vergangene Tage! 

Der Weg, der den Krukenberg hinauf, am Karlsplatz vorbei herunter nach Karlshafen führt, ist einer der meistbegangenen in meiner Jugendzeit gewesen. Es waren aber in der Hauptsache nicht Touristen, die von Helmarshausen nach Karlshafen wanderten, sondern die Arbeiter, die in den Fabriken in Karlshafen arbeiteten und zu ihren Schichten in die Saline, in die Holzfabrik und in die aufstrebende Zigarrenindustrie gingen. Ebenso konnte man jeden Wochentag gegen 11.00 Uhr zum Mittagsläuten einen wunderlichen Zug über den Berg beobachten; Frauen, Kinder, Jugendliche, die täglich ihren Männern, Vätern, Brüdern das Essen in einem Emaille- oder Blechgeschirr zur Mittagspause herüber brachten. Damals gab es keine Kantinen, aber Essen zu Mittag mußte sein, wahrscheinlich war es auch billiger als Brote mit teurem Aufschnitt. In großen Gruppen kamen dann eine Stunde später die Essensträger mit leerem Geschirr zurück.

Die Hälfte der 1400 Einwohner in Helmarshausen waren damals Bauern, zum Teil begüterte Landwirte, die andere Hälfte Arbeiter. Aber wohl jeder Arbeiter hatte ein kleines Häuschen mit Garten als Eigenbesitz. Die Arbeiter waren damals schon gewerkschaftlich organisiert; sie gehörten der SPD an und kämpften für Gerechtigkeit und bessere Löhne. Unser Vater stand gut mit dem Gewerkschaftsführer, Herrn Vetterlein, Vater und Mutter kannten jedes Haus der Gemeinde, sie machten viele Besuche und bemühten sich, in den oft schwierigen Verhältnissen zu helfen, wo sie konnten. So richtete Vater die Schwesternstation ein, die jahrelang in unserem Pfarrhaus im oberen Stockwerk untergebracht war, sowie den dringend notwendigen Kindergarten. Auch die Frauenhilfe wurde von den Eltern gegründet und erwies sich als echte Hilfseinrichtung in der Gemeinde. Sie hat 1914 – 1918 zusätzlich zur „Diakonie der Gemeinde“ alle durch den ersten Weltkrieg anfallenden notwendigen Arbeiten übernommen. Unser Eßzimmer verwandelte sich damals zur Nähstube, es wurde gestrickt, Scharpie gezupft, Pakete wurden gepackt. Um den großen Eßzimmertisch saßen die einsatzbereiten Frauen.

Für uns gab es keinen Unterschied des Standes, der Partei oder Rasse. Die Sozialdemokraten sprachen ebenso von „unserem Herrn Pfarrer“ wie die Juden, die Bauern und Arbeiter. Es gab aus politischen Gründen wohl Meinungsverschiedenheiten, aber keine Trennungsstriche. Wir Kinder gingen ein und aus bei den Begüterten und Nichtbegüterten, schleppten die kleinen Kinder mit uns herum, aßen hier und da eine Stulle. War es ein Wunder, daß wir uns die Kinderkrankheiten aus dem Dorf holten, und Mutter eines Tages meinen Kopf voller Läuse fand. Mit Sabadillen – Essig vernichtete, sah man aber danach noch wochenlang die weißen Nissen in den schwarzen Strähnen; das war mir doch ein wenig peinlich. Ich wurde vorsichtiger. Es änderte aber nichts an meiner Unentwegtheit, im Kindergarten mitzuspielen, und an meiner Vorliebe, in den Häusern in den warmen Küchen zu sitzen und einen Schwatz zu halten.

Gegensätzlichkeiten radikaler Art innerhalb der Gemeinde entwickelten sich erst im Dritten Reich. Der Nationalsozialismus machte einige unserer Gemeindemitglieder blind und parteiwütig. Vater war keine Kampfnatur. Aber er sah klar, wohin der nationalsozialistische Fanatismus führen würde. Der Weltanschauungskampf in diesen Jahren ist in der Gemeinde von der Frauenhilfe, meiner Mutter und Frau von Linde in besonderer Weise durchgeführt worden. Hier gab es einen zähen Widerstand gegenüber den Gleichschaltungsversuchen von seiten der NS-Frauenschaft. Frau Linde-Suden war damals die gewählte Vorsitzende der Ev. Frauenhilfe in Kurhessen.

Da Vaters Pensionierung 1938 erfolgte, ich aber durch meine Berufstätigkeit und meine Heirat seit 1932 in der Provinz Brandenburg lebte, entzieht sich die Weiterentwicklung des Kirchenkampfes damals in Helmarshausen meiner Kenntnis.

 

„In jenen Tagen“

Spurensuche über die Zeit des 3. Reiches in Helmarshausen 

Durchgeführt vom Evangelischen Jugendkreis „Helmarshausen“  

Im Winter 1985 

Vorwort 

Im Herbst kam uns die Idee, mit der Ev. Jugendkreis Helmarshausen eine „Spurensuche“ für die Zeit des 3. Reiches durchzuführen und dann eine Dokumentation über diese Zeit zusammenzustellen. Folgende Gründe spielten dabei eine Rolle: 

1.                          Die Jugendlichen würden sich auf diese Weise mit der Zeit des 3. Reiches beschäftigen. Vielleicht würden sie auf diesem Weg eher verstehen, wie es dazu kam.

2.                          Die Zeugen die jene Zeit miterlebt haben, werden weniger. Sollte es mit der Zeit des 3.Reiches einmal ähnlich sein, wie mit der Zeit des dreißigjährigen Krieges, über die in Helmarshausen kaum ein Zeugnis erhalten ist.

3.                          Die zeit des 3. Reiches liegt jetzt 40 Jahre hinter uns. Der Abstand scheint uns groß. Ein gewisses Maß an Legendenbildung ist allerdings nicht auszuschließen.

4.                          Direkter Auslöser unserer Spurensuche war eine Anfrage zum Schicksal von Fräulein Fritsche, der langjährigen 1. Kindergärtnerin (1905 – 1931) in Helmarshausen. Meine Nachforschungen ergaben, das Fräulein Fritsche, die 1931 als Nervenkranke nach Merxhausen kam, 1941 in Hadamari im Zuge der „Euthanasie“ umgebracht wurde. Würden bei einer Spurensuche noch ähnliche, bisher unbekannt gebliebene Schicksale auftauchen ? Bis auf die bereits bekannten Schicksale der Helmarshäuser Juden kam kein weiterer Fall von Mord ans Licht. Die Spurensuche lief so ab, dass zunächst ein fünfteiliger Fragebogen erarbeitet wurde: 

              1. Die Zeit vor und nach der Machtergreifung Hitlers. 

              2. Die Juden von Helmarshausen. 

              3. Das Leben während des 3. Reiches. 

              4. Der Krieg und das Kriegsende. 

              5. Die Nachkriegszeit 

mit diesen Fragebogen gingen die Jugendlichen zu vorher informierten älteren Einwohnern – etwa 20 – und interviewten diese. 

Die Interviews wurden dann auf einer Wochenendfreizeit im Januar 1985 in Niedenstein ausgewertet. Ein 1ter Text wurde im Seniorenkreis besprochen und offensichtliche Fehler korrigiert. Unsere Dokumentation erhebt dennoch nicht den Anspruch, fehlerfrei zu sein. Sie ist auch nicht vollständig. Die Texte wurden im Wesentlichen von Jugendlichen im Alter zwischen 14 und 21 Jahren formuliert.

 

Helmarshausen, im April 1985

 

                                                           Konrad Hammann, Pfarrer   

 

I. Die Zeit der Machtergreifung

Die alten Leute sagten uns, daß vor der Machter­greifung Hitlers die Zahl der Arbeitslosen in Hel­marshausen bei 30 – 40 % gelegen haben dürfte. Die Arbeitslosenunterstützung betrug etwa 6 Mark in der Woche und wurde im Rathaus ausgezahlt. Um die Arbeitslosigkeit zu bekämpfen, wurden die Männer zu Arbeiten für die Allgemeinheit herangezogen, z.B. Wegebau.

Eine Ortsgruppe der NSDAP gab es etwa seit 1930 in Helmarshausen mit einer Mitgliederzahl zwischen 20 und 40 Personen (die Angaben schwankten). Auch eine SA soll es vor 1933 gegeben haben. Die in Helmarshausen an sich starke, alte Arbeiterbewegung war in der SPD, in der KPD, im Arbeitersportverein und im Arbeitergesangverein organisiert, Entsprechend hatten auch die „Bürgerlichen“ ihre Vereine. Nach der Machtergreifung wurden diese Vereine zusammengelegt bzw., verboten. Vor der Machtergreifung gab es häufig große politische Versammlungen mit 200 - 300 Besuchern. Gelegentlich kam es zu schweren, auch blutigen Auseinandersetzungen zwischen helmarshäuser Arbeitern und dem Freiwilligen Arbeitsdienst in Karlshafen, So rief Jim Rolwes beim Durchzug des Arbeitsdienstes laut: „Rot-Front“, Es wurde auf ihn daraufhin geschossen, er konnte aber unverletzt entkommen. Auch auf einen Parteiredner der NSDAP der mit dem Motorrad zurück nach Hofgeismar fuhr wurde am Fahlenberg geschossen.

KPD und SPD Mitglieder waren nach der Machtergreifung gefährdet. Mehrfach kamen Deiseler SA-Leute nach Helmarshausen um Vertreter der alten Arbeiterbewegung zu verprügeln. Diese wurden aber vorher von Helmarshäuser Bürgern gewarnt und konnten sich verstecken. Zu diesen Einschüchterungsversuchen, die wohl nicht ohne Erfolg waren, gehörte auch der damals umlaufende Spruch: „Pass auf, sonst kommst du auch auf die Breitenau“ (KZ bei Guxhagen südlich Kassel). Von Heinrich Fey ist bekannt, dass er etwa 3 Wochen in Haft war. Auch Otto Haake aus Helmarshausen/Kr. Hofgeismar, geb. am 18.4.1908 in Helmarshausen/Kr. Hofgeismar, Schlosser, aus politischen Gründen (wegen kritischer Äußerungen gegenüber der NSDAP angezeigt und in Schutzhaft genommen) im KZ Breitenau vom 13.9.1933 bis 7.10.1933 inhaftiert.  

Der damalige Bürgermeister Hense war zwar in der Partei, versuchte aber die gefährdeten Einwohner zu schützen. Anzeigen und Denunziationen scheint er weitergereicht zu haben mit der Bemerkung, dass über den Angezeigten sonst nichts Nachteiliges bekannt sei. Er empfahl die Angelegenheit niederzuschlagen. Die Vertreter der älteren Generation sagten uns einmal: Die 1 ten  Nationalsozialisten in Helmarshausen waren meist etwas problematische Mensche: „Die kann man doch gar nicht wählen“. Andere sagten, daß sie zunächst doch Hoffnung auf Hitler gesetzt hätten, später aber Zweifel bekamen. Andere sagten es umgekehrt: Sie seien erst gegen Hitler gewesen, aber dann habe die Arbeitslosigkeit aufgehört, man habe besser leben können, darum habe man sich dann mit den Nazis abgefunden.

 

II. Die Juden von Helmarshausen. 

Es gab in Helmarshausen um 1930 folgende 4 jüdische Familien:

 

  1. Hohenberg, Julia – Poststraße 47. Sie besaß ein Textilgeschäft, wurde 1944 verhaftet und wird wohl im KZ umgekommen sein.
  2. Albert Hohenberg und Frau Pieck, Kinder Günther und Ursula – Poststraße 37. Sie besaßen eine Stuhlfabrik. Die Familie Hohenberg wanderte nach Israel aus. Albert und Günther sind bei Kämpfen in Israel ums Leben gekommen.
  3. Robert Wertheim mit Frau Charlotte und Kindern Arthur, Max, Martha und Paula. Sie besaßen eine Schlachterei. Robert Wertheim ist auf dem Judenfriedhof in Helmarshausen beigesetzt. Sohn Arthur war 1930 Schützenkönig. Die Familie wanderte zu Beginn des 3. Reiches nach USA aus. Zu ihr bestehen noch Verbindungen.
  4. Emil Wertheim mit Frau Berta und Sohn Kurt – Poststraße 54 besaßen einen Gemischtwarenladen. Es war eine arme jüdische Familie und konnte daher nicht auswandern. Sie wurden 1944 verhaftet und sind im KZ wohl umgekommen.

 

Zum Leben mit den Juden vor dem 3 ten Reich: Die jüdischen Kinder gingen in Schule und Kindergarten, nahmen aber nicht am Religionsunterricht teil. Bei den strenggläubigen Juden waren am Sabbat die Geschäfte geschlossen. Man kaufte vor 1933 bei Juden wie bei Nichtjuden. Als Arthur Wertheim 1930 Schützenkönig wurde, soll es schon damals zwischen Helmarshäusern und Deiselern darum zu einer Schlägerei gekommen sein.

Im Laufe des 3 ten Reiches wurde es immer gefährlicher bei Juden zu kaufen, zum Teil wurde trotzdem weiter gekauft, allerdings heimlich. Irgendwann hingen dann an einigen Häusern Zettel: „Hier wohnt ein Judenfreund und Volksverräter“. Vor der Türe von Emil Wertheim sang die Hitlerjugend das Lied „Wenn das Judenblut vom Messer spritzt". Am 2. Januar 1934 brannte es in der Synagoge hinter dem alten Rathaus. Der Dachstuhl brannte aus. Weil viele SA Leute in der helmarshäuser Feuerwehr waren, kam diese nicht zum Löschen. Der Brand wurde schließlich von der Karlshafner Wehr gelöscht. In der Kristallnacht 1938 wurden in Helmarshausen bei jüdischen Geschäften keine Fensterscheiben eingeworfen, auch die Synagoge nicht demoliert. Einige Tag später wurde aber von Auswärtigen die Scheibe der Metzgerei Wertheim eingeworfen. Die letzten Juden hatten in den Jahren des Krieges ein sehr schweres Los. Sie hatten fast nichts zu essen und wurden von allen gemieden. Eine Frau erinnerte sich an einen damals von Fräulein Hohenberg gesagten Satz : „Wenn die Tränen, die wir Juden jetzt weinen einmal über euch kommen, dann wird es euch  schlimm ergehen." Von Emil Wertheim wurde erzählt: Er war verhaftet, kam aber noch mal frei und stand dann eines Nachts in unbeschreiblichen Zustand vor seinem Haus. Sein Untermieter versorgte ihn, wurde deshalb denunziert und erhielt daraufhin eine böse Abfuhr von Bürgermeister Hense und anderen auf dem Bürgermeisteramt. Emil Wertheim, der wohl einen besonders schweren Stand in Helmarshausen hatte, war im 1 ten Weltkrieg als Soldat mit dem EK1 ausgezeichnet worden. 

III. Das Leben während des 3ten Reiches.

Helmarshausen war eine kleine Stadt, in der jeder jeden kannte. So wusste man, wen man mit „Heil Hitler“ zu grüßen hatte oder wem man einfach „Guten Tag“ sagen konnte. Die Besitzer einer Fleischerei waren so nationalsozialistisch eingestellt, dass Kinder, die mit „Guten Tag“ in den Laden kamen, hinausgeschickt wurden, um noch einmal mit „Heil Hitler“ hereinzukommen ( Frau Martha Grote, Poststraße38 (alt Nr. 108)). Die Parteien waren verboten, ihr Vermögen wurde eingezogen. Die Vereine wurden der Partei unterstellt oder verboten. Jugendarbeit geschah durch die HJ. Nur die evangelische Frauenhilfe konnte sich als eigene Gruppe halten, wohl weil sie am Ort einflussreiche Spender besaß. In der NS - Frauenschaft wurde eines Tages von einer Frau eine Rede darüber gehalten, dass es für den Führer das größte Geschenk sei, ihm ein Kind zu schenken. Die Mutterschaft wurde in den höchsten Tönen gelobt und zum Abschluss soll die Rednerin gerufen haben: „Also Genossinnen ran ans Werk“. Diese Frau wurde später nur noch „Ran ans Werk“ genannt. Im ganzen war die Zeit des 3 ten Reiches in Helmarshausen eine Zeit relativen Wohlstandes. 

IV. Krieg und Kriegsende.

Als 1939 der Krieg ausbrach, war die Stimmung bei der Bevölkerung eher bedrückt. Nur die Jugend war begeistert und ließ sich von dem Glanz der Uniform und dem Ruhm, den sie erlangen sollten beeindruckt. Die Menschen dagegen, die schon den 1ten Weltkrieg miterlebt hatten, wussten, dass auch dieser Krieg leid, Elend und Entbehrungen mit sich bringen würde. Man merkte an den Lebensmitteln, die jetzt zugeteilt und nur für Marken erhältlich waren, daß Krieg war. Aber dann vor allem als die ersten Gefallenennachrichten in Helmarshausen eintrafen, wurde neu erfahren, was Krieg bedeutete. Die Gefallenenmeldung bekam zunächst der Ortsgruppenleiter. Er überbrachte sie dann den Angehörigen entweder selbst oder benachrichtigte Freunde oder Bekannte der Betroffenen. Auf Wunsch wurden Gedenkfeiern in der Kirche gehalten. Nach dem Krieg kamen die Gefallenenmeldungen mit der Post.

Mit den Bombenangriffen rückte der Krieg dann allmählich näher. Bei dem schweren Bombenangriff auf Kassel war der Horizont blutrot. Vierzehn Tage vor dem Einmarsch der Amerikaner hielt der durch den Krieg nach Wülmersen verschlagene Pfarrer Stange den Konfirmationsgottesdienst. Die Kirche war trotz des bereits zu hörenden Kanonendonners und der fehlenden Väter gut besucht. Als die Gemeinde das Lied sang: Ein feste Burg ist unser Gott, kam eine Frau in die Kirche und verlangte vom Pfarrer die Unterbrechung des Gottesdienstes. Alle Hände würden jetzt gebraucht um Panzersperren zu bauen. Es gelang dem Pfarrer, die Frau zu beruhigen und den Gottesdienst in Ruhe zuende zu führen. Die Panzersperren wurden dann gebaut, hatten aber nur schlimme Folgen. Vom Fahlenberg her nahm die Amerikaner die Panzersperre in der Flehte unter Beschuss. So wurden die dortigen Häuser am stärksten beschädigt. Eine andere Panzersperre, die unterhalb der Knappschaft auf der Straße nach Waldesruh gebaut wurde, wurde ebenfalls von den Amerikaner beschossen; eine Granate schlug dabei in die Feldscheune unterhalb der Knappschaft im Mückenloch, in der sich Menschen verborgen hielten. Zwei Menschen wurden dabei getötet: Karoline Mantel (73 Jahre) und Willi Mantel, ihr Enkel (8 Jahre), außerdem 2 Pferde. In der Nacht nach dem Einzug der Amerikaner versuchte eine Gruppe von 5 jungen, auswärtigen Männern, einen Anschlag auf einen in der Flehte stehenden amerikanischen Panzer. Es handelte sich dabei wohl um sogenannte „Werwölfe“, um aufgehetzte Hitlerjungen, die den Amerikaner hinter der Front noch Schaden zufügen sollten. Die „Werwölfe“ wurden von den Amerikanern entdeckt, einer der verletzt war und nicht rechtzeitig flüchten konnte, wurde am Haus Hohmeister von den Amerikaner erschlagen. Er war 17 Jahre alt und stammte aus Schönburg bei Magdeburg. Zunächst im Garten Hohmeister begraben, wurde er dann später auf den Soldatenfriedhof nach Breuna umgebettet.

Am 7. April begann vormittags die Beschießung von Helmarshausen durch die Amerikaner; am Nachmittag geschah dann der Einmarsch. Beim diesem Einmarsch gab es auch heitere Vorfälle trotz aller Angst, die die Menschen in die Wälder und Keller hatte flüchten lassen. Als die Amerikaner von der Bleiche her vorsichtig in die Stadt eindrangen, waren alle Straßen völlig menschenleer. Nur in der mittleren Steinstraße stand Philipp Henze, ein älterer Mann und ein Original auf der Straße und sägte seine Bohnenstangen zurecht. Die Amerikaner sollen ihm kameradschaftlich auf die Schulter geschlagen haben und gesagt haben: „Du gut, du keine Angst vor uns!“ Dann sollen sie ihm noch einen Schnaps eingeschenkt haben.

Eine andere Familie besaß eine Hitlerbüste, die bei Parteiveranstaltungen ins Rathaus ausgeliehen wurde. Nun, bei Kriegsende stand die Frau (der Mann war im Krieg) vor der Frage: Wohin mit der Hitlerbüste? Sie zu zerschlagen, das brachte sie nicht fertig; aber die Amerikaner durften sie auf keinen Fall in ihrem Haus finden. Die Frau warf die Büste schließlich in die Jauchegrube. Als die Grube nach einiger Zeit von ihren Kindern geleert wurde, die von dem darin verborgenen Schatz nichts wussten, bekamen sie einen großen Schrecken als plötzlich ein menschlicher Kopf in der Jauche schwamm. Die entsetzt herbeigerufene Mutter konnte dann ihre Kinder aufklären. 

V. Heimatvertriebene und Nachkriegszeit.

Die ersten Evakuierten kamen bei Kriegsbeginn aus dem Saarland nach Helmarshausen. Diese zogen aber nach dem Frankreichfeldzug wieder in ihre Heimat zurück. Während des Krieges kamen die Ausgebombten  aus Kassel und aus dem Ruhrgebiet. Die eigentlichen Heimatvertriebenen kamen im Sommer 1946. Sie wurden in primitiven Transportzügen (Viehwagen) mit der Bahn in vier Schüben nach Helmarshausen gebracht. Im Laufe der Zeit kamen ca. 200 Flüchtlinge. Davon aber wurden nur etwa 150 in Helmarshausen selbst untergebracht, die anderen kamen in die Nachbardörfer. Der Großteil der Flüchtlinge kam aus dem Sudetenland, z.B. aus den Kreisen Graslitz und Tachau, aus dem Egerland, aus Nordmähren, Böhmerwald und einige aus Schlesien.

Die Flüchtlinge wurden von der eingerichteten Flüchtlingskommission eingewiesen. Je nach Größe der Familien wurde ihnen 1 – 2 Zimmer zugeteilt. Von einem ausgewählten, sogenannten „Flüchtlingskommissar (Lehrer Gross) wurden sie von da an beraten und vertreten. Als besondere Unterstützung erhielten die Heimatvertriebenen Hausratshilfe und später dann den Lastenausgleich. Der Lastenausgleich half den Heimatvertriebenen vor allen beim Bau eines eigenen Hauses. Den Schaden deckte der Lastenausgleich allerdings nicht annähernd, auch nicht den Materiellen.

Fast alle Heimatvertriebenen waren katholischer Konfession. Es gab deshalb aber nur wenige Probleme. Zunächst stellte die Ev. Gemeinde den kath. Heimatvertriebenen ihre Kirche für Gottesdienste zur Verfügung. Unter dem evangelischen Pfarrer Dietrich kam es dann zeitweilig zu Schwierigkeiten, so das die katholische Gemeinde ihre Gottesdienste im Rathaus hielt. Später bauten sich die Katholiken dann eine eigene Kirche zunächst hinter der Mauer in der ehemaligen Werkstatt des Schreiners Fritz Lauterbach, jetzt Wohnhaus der Familie Hoffmann und dann am Mittelberg. In den ersten Jahren gab es gelegentlich Spannungen um die Frage, in welcher Kirche ein gemischt heiratendes Paar getraut würde. Aber darüber gibt es heute keine ernstlichen Spannungen mehr.

Die Heimatvertriebenen hatten auch im Stadtparlament ihre eigene Partei, die BHE (= Bund der Heimatvertriebenen und Entrechteten).

Nach dem Krieg wurde auch in Helmarshausen die sogenannte Entnazifizierung durch die Spruchkammer Hofgeismar durchgeführt. Herr von Stein, Kunsthändler aus Berlin, der als Gegner des Nationalsozialismus im KZ gesessen hatte, war Vorsitzender der Spruchkammer. Seine Frau war während des 3 ten Reiches nach Helmarshausen gezogen und hatte hier Handel mit kunstgewerblichen Artickeln betrieben. Alle, die 1933 noch Jugendliche waren, fielen unter die Jugendamnestie. Die Verurteilten wurden in verschiedenen Stufen eingestuft z. B. Mitläufer, Hauptschuldige usw. In Helmarshausen wurden Geldstrafen, Landenteignung und Lageraufenthalte als Strafen verhängt. Nach Meinung der meisten Befragten war die Entnazifizierung hier in Helmarshausen eigentlich überflüssig. Bei nachgewiesenen Verbrechen hätte ein anerkanntes Gericht wahrscheinlich gerechter geurteilt. Aber die Nichtbetroffenen meinten doch zum Teil, dass die Entnazifizierung im Ort notwendig gewesen sei.

Im Ganzen ist zu sagen, dass Helmarshausen auf Grund seiner sozialistischen Tradition im Vergleich zu Nachbarorten kein „braunes Nest“ war. Es hat zwar Denunzianten gegeben, auch Einschüchterungen und Schläger, aber es gab auch das, dass „braune“ Bürger für ihre gefährdeten „roten Mitbürger eingetreten sind.

„Verlorene Jugendjahre“ überschrieben einige der Befragten ihr persönliches Gesamturteil über die Zeit des 3 ten Reiches. Die Heimatvertriebenen erklärten, dass sie trotz anfänglicher Schwierigkeiten in Helmarshausen eine 2 . Heimat gefunden hätten.  

 

HELMARSHÄUSER SCHÜTZENVEREIN 

ging einst aus der Bürgerwehr hervor. 

Uralte Überlieferungen berichten vom Brauchtum der Schützen in den vergangenen Jahrhunderten   

von Th. Tessmer

 

Die Gilde der Helmarshäuser Schützen geht vermutlich bis zum Anfang des 16. Jahrhunderts zurück, wie man aus einigen Dokumenten schließen kann, doch sind die meisten  Aufzeichnungen darüber inzwischen verloren gegangen.

Erst vom Jahre 1681 ab finden sich Abschriften vor, von späteren Jahren sogar viele Originale.

Aus diesen Aufzeichnungen soll nachstehend das Wesentlichste wiedergegeben werden.

So schossen im Jahre 1681 die Schützen um einen Hut, wie es schon 81 Jahre lang der Brauch war. Wer im Stehen am besten schoss, musste Schützenmeister werden, wie dies von alters her üblich war und für den Betroffenen eine große Ehre bedeutete. Genau so wurde es auch noch im Jahre 1682 gehalten, wo dem Schützenmeister der "silberne Löwe" überreicht wurde, den er an dem betreffenden Tage auf der Brust zu tragen hatte. Am folgenden Tage, solange die vereinigte Gesellschaft zusammen blieb, hatte er den silbernen Löwen am Hut zu tragen.

Im Jahre 1681 hat Valentin Bischoff den Hut und den silbernen Löwen gewonnen und wurde „ Schützenkönig.“ Im Jahre 1682 musste jeder Schütze 2 Metzen Gerste zum Fest beisteuern. Das ergab dann 4 Viertel und 2 Metzen und aus diesen konnten 9 Zuber und 29 Maß Bier gebraut werden.

Ein weiteres Dokument aus dem Jahre 1775 berichtet von einem Gesuch der Helmarshäuser Schützen, das sie an den "Wohl Eren Unsere Großachtbaren, Führsichtigen und Wohlweisen Herren Bürgermeister und Rath insbesondere Vielgeehrten und sehr verehrten Herren der Stadt" richteten und um Zuweisung eines neuen Schützenplatzes baten. Die Schützen hatten bis dahin einen eigenen Platz in der „Fliete“ besessen, der aber von den Vorfahren in den Kriegsjahren an den Amtmann Weitersen verkauft worden war. Ein hessischer Amtmann Weiters saß um das Jahr 1600 noch auf der  Krukenburg, und er war vermutlich auch der Käufer des Schützenplatzes. Die vorerwähnten Kriegsjahre waren eine Fehde, die Amtmann Weiters mit dem paderbornischen Rentmeister Soerbecke wegen einem weißen Hirsch hatte. Dabei hat das Land viel gelitten. Außerdem kann man aus dieser Folgerung schließen, daß die Schützen schon im 15. Jahrhundert in Helmarshausen vertreten waren.

In dem Gesuch um einen neuen Schützenplatz wurde angeführt, daß die Schützen damals schlechte Zeiten gehabt hätten und von keiner Seite gefördert würden. Der drohende Krieg - im Jahre 1623 besetzte Tilly die Stadt - machte es erforderlich, daß auch die jungen Bürger wieder lernten, mit einem Gewehr umzugehen. Als geeigneter Platz wurde auf den hinteren Todtanger (Schweinehute) hingewiesen, der als Schützenplatz gut geeignet sei.

Als Antwort vom 24. Juli 1715 wurde von dem damaligen Bürgermeister Caspar Hudt (selbst Schütze) ein neuer Schießplatz „so Conrad Mayer und Verstes Franke gehabt“ als Pachtland angewiesen. Da die Schützen aber - wie aus den Akten hervorgeht - später selbst Pacht für die Grasnutzung erhoben haben, muß in den folgenden Jahren der Platz in ihr Eigentum übergegangen sein.

Als im Jahre 1848 die Bürgergarde aufgelöst wurde, beschlagnahmte man ihre Fahne und brachte sie in das Zeughaus nach Kassel. Diese Fahne war aus blauer Seide, an den Rädern mit Fransen verziert und zeigte das Bild des Apostels Paulus mit dem Schwert als Schutzpatron des Klosters. Bürgermeister Siegel bot gleich nach seinem Amtsantritt im Jahre 1862 die kurhessische Regierung, die Bürgerfahne zurückzugeben, Von höchster Stelle aber wurde dieses verweigert. Als Anno 1866 Hessen zu Preußen kam; erneuerte Bürgermeister Siegel sein Gesuch, diesmal an das General-Gouvernement in Kassel. Und er hätte Erfolg. Der Zeugfeldwebel Meyer wurde beauftragt, die Fahne aus­zuhändigen. Bürgermeister Siegel reiste am 9. August 1866 selbst nach Kassel, um sie abzuholen, doch wurde die Fahne nicht gefunden. Erst später würde sie durch einen Zufall wieder aufgefunden und von der Stadt dem Schützenverein zu treuen Händen übergeben, in dessen Besitz sie heute noch ist.

Bis zum Jahre 1897 befand sich der alte Schützenplatz in der Hainbach, wo sich außer dem Schießstand noch ein Tanzzelt und zwei Trinkhallen befanden. Die letzteren  wurden jährlich an zwei Gastwirte verpachtet. Als im Jahre 1884 die neue Straße gebaut wurde, die auch durch einen Teil des damaligen Schützenplatzes führte, verlegte man diesen an den, Hang des Krukenberges zwischen Stadt und Burg. Als der Schützenplatz noch in der Hainbach war, brach oft gerade, als alle Einwohner dort am Fest teilnahmen, in der Stadt Feuer aus. Man schrieb die Brand­stiftung dem alten Brandköster zu; den man dann auch in Langenthal unter einem alten Siedekessel versteckt vorfand und verhaftet hat. Vom neuen Schützenplatz am Krukenberg konnte man die fast verlassene Stadt stets gut übersehen.

Im Jahre 1937 tauchte erstmalig das Projekt auf, die Schützenhallen abzubrechen und sie auf dem von der Stadt neu erworbenen Sportplatz wieder aufzustellen. Aber trotz der Annahme des Vorschlags vom 11. Juli 1937 wurde doch nichts aus diesem Plan. Am 28. Mai 1939 fand das letzte Königsschießen vor dem Krieg statt, und als im Jahre 1945 von der Besatzungsmacht alle Vereine aufgelöst wurden, kam die Stadt als Rechtsnachfolgerin des Schützenvereins vorübergehend in den Besitz der Schützenhallen und wurden an die Stahlrohrmöbelfabrik Oskar Franz, jetzt Beverungen verpachtet. Erst am 3. Juni 1951 wurde der Schützenverein neu gegründet, und im Jahre 1955 sprachen die Stadtverordneten dem Verein den Grund und Boden des Schützenplatzes als Eigentum zu. Im Jahre 1954 wurden die Schützenhallen wieder frei, und nach l5 jähriger Pause konnte am 7. und 8. Juni desselben Jahres das erste Schützenfest nach dem Krieg wieder gefeiert werden.

 

Salzschmuggler an der Weser

 

Schleichhandel zwischen Hessen und Hannover – Kämpfe mit den Grenzwächtern.

 

Die Täler der Fulda und der Weser waren seit jeher für einen lebhaften Schmuggel sehr geeignet, nicht nur, weil diese an vielen Stellen die Grenze zwischen Hessen und Hannover bilden, sonder auch wegen der verschiedenen Gesetzgebung in diesen Ländern.

In den Jahren 1834 bis 1854, in denen Kurhessen sich dem Zoll Hannover noch nicht angeschlossen hatte, entwickelte sich im Oberwesertal ein ausgedehnter Schmuggel. Hannover hatte wegen seiner nahen Beziehungen zu England die Kolonialwaren zollfrei gelassen oder nur mit ganz geringen Zöllen belegt, so daß ein heimliches Hinüberschaffen solcher Waren in das kurhessische Gebiet des schutzzöllnerischen Zollvereins erheblichen  Nutzen abwarf. Daneben lohnte sich der Schmuggel des Salzes in Kurhessen, wo ein Salzmonopol bestand.

Der das linke Weserufer begleitende Reinhardswald mit seinen reichem Wildbestand hatte außerdem in dem im und am Walde gelegenen Dörfern eine große Zahl von Wilddieben aufwachsen lassen, die sich in jener Zeit auch dem einträglichen Schleichhandel hingaben. Da sich in ihrem Besitz meist gute Waffen befanden und sie auch gute Schützen waren, konnten sie der Grenzbewachung oft mit bewaffneter Hand entgegentreten und ihr förmliche Gefechte liefern.

Am 9. Dezember 1848 wurde dem Obergrenzkontrolleur Landgrebe in Karlshafen gemeldet, daß in der folgenden Nacht etwa 120 Personen aus Helmarshausen beim Forsthof Wahmbeck, wenig oberhalb Karlshafen, mit Salz beladen, die Weser überschreiten würden. Es war dabei weniger auf Geldgewinn aus dem Verkauf des geschmuggelten Salzes abgesehen, als vielmehr eine Demonstration gegen das in Kurhessen bestehende Salzregal beabsichtigt. Die politische Seite des Vorhabens mußte aber den Zollbeamten gleichgültig sein, für sie handelte es sich nur um den Schmuggel des von den Demonstranten mitgeführten Salzes.

Landgrebe zog deshalb in aller Stille alle verfügbaren Grenzaufseher zusammen; es waren 18 Mann. Mit dieser kleinen Schar trat er den Schleichhändlern entgegen, nachdem er sie über die Weser hatte herüber kommen lassen. Ein lebhaftes Feuergefecht entspann sich, das eine volle Stunde andauerte und in dem Landgrebe selbst am Arm verwundet wurde und einen Schlag auf den Kopf erhielt. Es gelang, die Schmuggler zum Abwerfen ihrer Packen und zur Flucht zu nötigen, aber auch, daß eine große Anzahl von ihnen ihrer Person nach festgestellt und zur Anzeige und zur Bestrafung gebracht werden konnte.

Bei einer anderen Gelegenheit, in der Nacht vom 31. Oktober auf den 1. November 1849 stieß derselbe Obergrenzkontrolleur in Begleitung nur eines Grenzaufsehers auf eine Schmugglerbande von 33 Personen aus Gottsbüren. Die beiden Zöllner griffen die Bande sofort an, sprengten sie auseinander, jagten ihnen viele Packen geschmuggelter Waren ab, worunter sich mehrere Zentner Kochsalz befanden, machten mit Hilfe von vier nachgekommenen Grenzaufsehern sechs Leute dingfest und stellten die Namen sämtlicher Beteiligten fest, die auch alle zur Bestrafung gelangten.

Das Wasser der Weser war für die Schmuggler besonders günstig; dann konnte das Herrüberschaffen der Waren unbemerkbar bewerkstelligt werden. Nach einem solchen Hochwasser besetzte Landgrebe im Frühjahr 1850 mit 15 Grenzaufsehern Lippoldsberg und nahm dabei zahlreiche Haussuchungen vor. Viele Zentner Salz, Kaffee, Zucker und Wein wurden als Schmuggelware beschlagnahmt. Aus Angst vor Entdeckung wurden von den Besitzern für mehrere hundert Taler Kolonialwaren und Salz in die Weser geworfen. David Liebenberg, ein langjähriger Hauptschmuggler, ertappte man auf frischer Tat.

Als am 1. Mai 1854 der Anschluß  Hannovers an den Zollverein erfolgte, war es mit dem Schmuggel zu Ende.

 

 

Noch`ne Geschichte 

Der Kurfürst hielt Kaffee für Schädlich / Der Holttegel wußte Rat.

  von Adolf Häger

Vor gut 100 Jahren fing gleich hinter der Weser das Ausland an. Da lag nämlich das Königreich Hannover.

An einer Grenze wird auch geschmuggelt. Hier war es vor allem der Bohnenkaffee, den der hessische Kurfürst für seine Untertanen gar nicht zuträglich hielt und mit einem so hohen Einfuhrzoll belegte, daß ihnen die Lust daran vergehen sollte.

Für einen Schmuggler war nun ein Haufen Geld zu verdienen, wenn es ihm gelang, einen Sack Kaffeebohnen ungesehen vom Hannoverschen ins Hessische zu bringen. Zur Nachtzeit schlichen sie , auf geheimen Pfaden durch den Bramwald und Solling der Weser zu. Der Tollste unter den Schmugglern war der Hottegel. Dem saßen die Grenzer schon lange auf den Fersen, aber noch war es ihnen nicht gelungen, den dreisten Kerl abzufassen. Da heckte der Holttegel gar einen Plan aus, wie er die Zöllner gleichzeitig überlisten und obendrein noch bei allem Volk lächerlich machen könnte.

So belud er sich denn eines Nachts mit einem tüchtigen Sack. Der aber enthielt keineswegs Kaffeebohnen, sondern nichts als goldbraune Äpfel vom Roß.

Indes seine Kumpanen sich durch die Dickungen drückten, beladen mit ihren Kaffeesäcken, schritt er munter pfeifend nahe dem Zollhäuschen über die Grenze. Aber schon schrie ihn ein  Zöllner an: „Halt!“ und brachte sogleich sein Gewehr in Anschlag.

Seelenruhig erwartete ihn der Holttegel. „ Was habt ihr in den Sack?“ fragte er streng.

„Parschoite!“ sagte gelassen der Holttegel.

„Das glaube ich ihm nicht. Mitkommen mit dem Sack!“ So wurde er in das Zollhäuschen geführt. Der Zöllner machte seine Meldung.

Der Wachhabende sprang auf: „Guck da, der Holttegel selber! Was also soll in dem Sacke sein?“ fragte mit höhnischem Grinsen der Zöllner.

„Parschoite!“ sagte der Holttegel kurz.

„ Das könnt ihr einem anderen weismachen!“ herrschte ihn jetzt der Wachhabende an. „Los, aufbinden den Sack und ausschütten!“

„Jau, wenn ji dat nie glöwt!“... Und da schüttete er den Sack aus, daß die Roßäpfel über die weiß gescheuerten Dielen rollten.

Fassungslos starrten die Zöllner auf den Haufen Unrat.

„Damit Ji nu in Tokunft de Perdeappeln unnerscheeden kunnt von de Kaffeebohns, late eck se Juk doar!“, und grinsend verschwand der Schmuggler. Aber seine Kumpane hatten indes mit den richtigen Kaffeebohnen längst unbehelligt die Grenze überschritten. 

A. Häger

 

Wirtschaftliche Verhältnisse in Helmarshausen. 

Harter Existenzkampf der Landwirtschaft. 

- von Th. Teßmer

 

Einen guten Einblick in die wirtschaftlichen Verhältnisse der Helmarshäuser Bürger um das Jahr 1880 vermittelt eine Niederschrift des Gutsbesitzers und ehemaligen Bürgermeisters Emil Siedentopf, die jetzt durch Zufall wieder aufgefunden wurde.

Am 1. Mai 1881 pachtete Siedentopf das damals der Reichsgräfin Bentinck gehörende Rittergut in der hiesigen Gemarkung, zu dem auch das Vorwerk Hainhof und der ehemals Kuhlemann`sche Bauernhof „Hasselhof“ gehörten.

Die sehr baufälligen Gebäude des Hainhofes wurden während der Pachtzeit von 1881 bis 1893 abgebrochen und teilweise auf dem Hasselhof wieder aufgebaut, so zum Beispiel der spätere Kuhstall.

Der Hasselhof lag zur Bewirtschaftung der Ländereien wesentlich günstiger und außerdem führte eine „chaussierte Straße“ an ihm vorbei. Der Hainhof lag ungefähr den Quellen der Wasserleitung gegenüber, auf der südlichen Seite des Bruchweges, doch heute ist nichts mehr von den Gebäuden zu sehen und der Pflug geht darüber hinweg.

Im Jahre 1881 waren die Helmarshäuser Ländereien noch nicht zusammengelegt. Der Hainhof, ein ehemals Schaumburgisches Gut, hatte geschlossen liegende Ländereien und angrenzend geschlossenen Waldbesitz, während die übrigen Ländereien und Wiesen des Rittergutes in ganz kleinen und auch größeren Plänen die in der Gemarkung zerstreut lagen.

Die landwirtschaftlichen Verhältnisse dieser Zeit waren äußerst traurig. Kunstdünger wandte man nicht an, dazu fehlte das Geld und das nötige Verständnis. Die Stadt hatte damals noch die Huteberechtigung im Reinhardswald und die Viehherden wurden vom Frühjahr bis zum Herbst in den Wald getrieben. Stroh war wenig vorhanden, vielfach wurde das Laub aus dem Walde geholt und als Streu benutzt.

Das Rindvieh gehörte zu einer wertlosen Zucht, die Tiere waren klein und der Milchertrag mehr als gering. Die Schafe - es gingen einschließlich der 2 Herden des Gutes – insgesamt 6 Herden, waren nach den überlieferten Schilderungen auch größtenteils minderwertig.

Der Arbeitslohn der landwirtschaftlichen Arbeiter betrug für einen erwachsenen männlichen Arbeiter 1.- Reichsmark und für eine kräftige weibliche Arbeiterin 0,60 Reichsmark pro Tag ohne Beköstigung. Gespannführer auf Jahreslohn bekamen je nach Leistung und Tüchtigkeit 120 bis 210 Reichsmark pro Jahr, täglich morgens Kaffee und Mittagessen. An Deputat bekamen die Männer wöchentlich 14 Pfund Brot und die Frauen 12 Pfund Brot, ½ Pfund Butter, ½ Pfund Schmalz und sieben Handkäse.

Die verheirateten Landarbeiter bekamen jährlich 12 Morgen Kartoffelland, welches ihnen gepflügt und zur Pflanzung zurechtgemacht wurde. Bei den Bauern bekamen die „fest gemieteten“ Arbeiter volle Kost.

Die Leute lebten in dieser Zeit noch sehr sparsam und kleideten sich einfach und schlicht, so das sie trotz des geringen Verdienstes noch Spargroschen zurücklegen konnten. Sie waren abgehärtet und rau.

So berichtet Bürgermeister Siedenkopf beispielsweise von einigen Frauen, die ihm früh morgens bei Schnee und bitterer Kälte begegneten. Sie trugen weder Schuhe noch Strümpfe und gingen frohgemut den Fußweg von Gottsbüren nach Helmarshausen.

In Karlshafen waren mehrere Zigarren- und Tabakfabriken, von denen die größte, Baurmeister & Co., mehrere hundert Arbeiter beschäftigte.

Auch in Helmarshausen ließen namentlich Bremer und Hamburger Firmen Zigarren fertigen. Außerdem beschäftigte die große Mühle in Helmarshausen eine Anzahl Leute und 20 bis 30 Mann waren als ständige Rottenarbeiter bei der Eisenbahn tätig.

Die Steinbruchindustrie war in dieser Zeit voll ausgelastet. Zwischen Wülmersen und Trendelburg waren reichlich Brüche in Betrieb, so daß täglich die dort beladenen Wagen mit einer Maschine abgeholt und zum Bahnhof Trendelburg befördert werden konnten.

Arbeitsgelegenheit war also reichlich vorhanden, und Bürgermeister Siedentopf dürfte nicht der einzige Bauer gewesen sein, der gezwungen war, vom Frühjahr bis zum Herbst fremde Arbeitskräfte kommen zu lassen, die ihm seine 100 Morgen Zuckerrüben bearbeiteten und die Erntearbeiten besorgten.

In der Industrie verdienten schon damals die Leute – in erster Linie die Facharbeiter – mehr als in der Landwirtschaft.

Das Straßenpflaster der ganzen Stadt befand sich in jener Zeit in einem trostlosen Zustande, obwohl die Bremer Straße vom „Bezirksverband“ zu unterhalten war. Die Häuser waren durchweg schlecht im äußeren Anstrich und im Inneren sehr bescheiden eingerichtet. Allerdings war die Räucherei, da der Dampf noch durch  die Tenne zog, vorzüglich.

Die gesamte Stadt machte trotz ihrer herrlichen Lage unter der Krukenburg, im schönen Diemeltal und den sie umgebenden Wäldern,  einen sehr ärmlichen Eindruck. In der ganzen Stadt waren 5 oder 6 Brunnen vorhanden, deren Wasser aber nicht einwandfrei war und die polizeilich sofort geschlossen werden könnten. Erst nach erfolgter Ausweisung der neuen Pläne in dem Zusammenlegungsverfahren im Herbst des Jahres 1885 und nach Anlage von Wegen und Gräben, die eine Entwässerung nasser Feldlagen ermöglichten, hob sich die Landwirtschaft allmählich und steigerten sich die Ernten.

Nach Ablösung der Hute im Reinhardswald, für die zum Teil auch durch Barabfindung erfolgte, verbesserte sich ebenfalls auch der Viehbestand.

Der Bau einer Wasserleitung, der unter schweren Kämpfen in der städtischen Vertretung zustande kam, beseitigte dann auch die traurigen Trinkwasserverhältnisse. Der Ankauf einer dem Mühlenbesitzer Losch gehörenden Wasserkraft verschaffte der Stadt dann schon während des Weltkrieges elektrisches Licht.

Bürgermeister Siedentopf berichtete dann weiter, daß er nach Ablauf der Pachtperiode am 30. April 1893 von der Frau Reichsgräfin die auf dem rechten Diemelufer gelegenen Grundstücke in einer ungefähren Größe von 250 Morgen und die in der Stadt vorhandenen Gebäude des Rittergutes aufgekauft habe. Er pachtete außerdem die übrigen auf dem linken Diemelufer gelegenen Grundstücke auf ein weiteres Jahr, damit auf dem Hasselhof die zur Verpachtung des Gutes erforderlichen Gebäude errichtet werden konnten. Auf diese Weise ist das jetzige Rittergut Hasselhof entstanden.

Nach der Zusammenlegung der Grundstücke hob sich auch der Obstbau bedeutend. Die Stadt hatte bereits eine eigene Baumschule und an den Wegen und auf sonst nicht brauchbaren Gelände wurden nun fleißig Obstbäume angepflanzt. 

Eine Hochwasserkatastrophe, wie sie bis dahin noch nie da gewesen war, erlitt Helmarshausen am 24. November 1890. Das Wasser stand unmittelbar am Marktplatz, die steinerne, sehr feste Brücke über die Diemel stürzte ein, ein Haus wurde weggerissen und die übrigen unter Wasser gesetzten Gebäude teilweise stark beschädigt. Viel Groß- und Kleinvieh ging verloren.

Zwei Tage nach dem Hochwasser setzte starker Frost ein und vernichtete noch größtenteils die aus dem Wasser geretteten Kartoffeln und Futterrüben.

Die Diemel fror zu und das Eis wurde so dick, das man mit einem beladenen Holzwagen und einer Dampfdreschmaschine darüber fahren konnte.

Aber auch in späterer Zeit wurde die Landwirtschaft von harten Rückschlägen nicht verschont. Die Getreide- und Viehpreise erreichten einen noch nie da gewesenen Tiefstand. Der Zentner Roggen konnte nur noch für 5,25 bis 5,50 Reichsmark und Weizen mit 6,25 bis 6,50 Reichsmark verkauft werden. Für einen Zentner Zuckerrüben erhielt der Bauer noch ganz 0,60 Reichsmark. Die Fettviehpreise sanken bis auf 22.00 Reichsmark pro Zentner Lebensgewicht.

Während dieser Zeit mußte manche Zuckerfabrik den Betrieb einstellen und mancher Pächter seinen Besitz verlassen. Nur die „ in festen Schuhen stehenden“ Landwirte konnten unter schweren Verlusten durchhalten. In Helmarshausen haben sich die Bauern durch größte Sparsamkeit und Einfachheit die für die Landwirtschaft äußerst traurige Zeit durchgerungen, zum Teil – durchgehungert. Später hoben sich die Preise wieder allmählich und als dann der erste Weltkrieg ausbrach, hatte Helmarshausen wieder eine blühende Landwirtschaft. Der Krieg und die Jahre danach, schlugen nicht nur der Landwirtschaft, sondern auch der Industrie schwere Wunden, und die Arbeitslosen mehrten sich von Tag zu Tag. Erst in den dreißiger Jahren besserten sich dann die Verhältnisse wieder. Die Ernten erreichten eine nie gekannte Höhe und auch die Stadt bot – mit Ausnahme des schlechten Pflasters – ein verhältnismäßiges freundliches Bild.

 

Was man auf Flohmärkten alles finden kann  -

 auch eine Akte über den

Verschönerungsverein Helmarshausen !

 

Von Wolfgang Frohmüller, im Oktober 2005-10-23

 

Der Aufmerksamkeit von Hansi Lorenz ist es zu verdanken, dass eine Akte über den Verschönerungsverein Helmarshausen, die auf einem Flohmarkt auftauchte, wieder an ihren ursprünglichen Ort zurückgekommen ist. Mit den von dem Verein verfolgten Zielen kann dieser als Vorgänger des heutigen Heimatvereins angesehen werden. Aus den Unterlagen, die sich auf die Zeit von 1908 bis 1918 beziehen, geht hervor, dass  der Verein unter anderem den Weg zur Krukenburg und am Schützenplatz in Stand gesetzt hat. Die Arbeiten wurden von Carl Stübecke ausgeführt. Der Kutscher  Heinrich Otte hatte hierfür 2 Fuder Kohlenasche (Rückstand aus der Verbrennung von Koks) von Carlshafen angefahren. Carl Mantel, Philipp May und Heinrich Schindewolf haben im April l911 Sträucher auf der Krukenburg gepflanzt. Dafür bekamen sie einen Lohn von 2,- Mark pro Tag. Damals wurden auch die Lindenbäume am Weg zur Krukenburg gepflanzt, die der Lehrer Fuchs von der Baumschule Max Kornacker  in Wehrden  geholt hatte. 10 Bäume kosteten 20 Mark. Carl Stübecke bekam für den Transport der Bäume 1,10 Mark. Nun wissen wir, dass die Linden am Weg zur Krukenburg (im Jahr 2005) rund 100 Jahre alt sind. Der Schreinermeister Heinrich Engelhardt hat 6 Bänke angefertigt. Nach der Rechnung vom 11.6.1908 betrugen die Kosten hierfür 43,60 Mark.

Die Einnahmen des Vereins bestanden aus Beiträgen und Spenden. So sind z. B. für das Jahr 1908 Einnahmen von 62,50 Mark und Ausgaben von 63,6o Mark ausgewiesen. Zusammen mit einem Guthaben aus dem Vorjahr ergab sich ein Bestand von 13,8o Mark. In den folgenden Jahren waren die Beträge geringer. Die Beiträge lagen zwischen 50 Pfg. und 1 Mark. Im Jahr 1914 gab Pfarrer Mohr 2 Mark und Major von Krosigk 3 Mark. Auf der Krukenburg gab es eine Spendenbüchse für Besucher, die im Jahr 1909 1,76 Mark und 1910 2,32 Mark enthielt. Interessant ist auch eine Quittung vom 14.9.1909, nach der der Gastwirt Heinrich Briel vom Verschönerungsverein 20,- Mark für die Übernahme der Brücke über den Graben der Krukenburg „auf eigene Rechnung und Gefahr“ erhalten hat. Dieser Vorgang steht wahrscheinlich im Zusammenhang mit dem Bau der Ausflugsgaststätte auf der Burg, die später wieder abgerissen wurde. Der Heimatverein hat in seinem Bildarchiv ein Foto von dem Gebäude. Im Jahr 1914 wandte sich der damalige Bürgermeister Eckardt im Namen des Vorstandes mit folgendem Brief an die Mitglieder:

Nach 3-jähriger Unterbrechung tritt der Verschönerungsverein von Helmarshausen wieder an die hiesige Einwohnerschaft mit der Bitte um einen Beitrag für den Verein heran. Die fast gänzlich demolierten Bänke an den verschiedenen Plätzen außerhalb der Stadt bedürfen dringend der Erneuerung. Hierzu stehen dem Verein keine Mittel mehr zur Verfügung. Es kommt nicht so sehr auf die Höhe der Beiträge, sondern vielmehr darauf an, möglichst weite Kreise für die Sache zu interessieren. Wir bitten daher dieses Interesse an der guten Sache durch Zeichnung eines kl. Beitrages in die umstehende Liste zu bezeigen und laden die Mitglieder zur weiteren Besprechung Freitag, den 30. d. Mts. abends 9  Uhr in die Briel Gastwirtschaft hier ergebenst ein. 

Der zeitlich letzte Beleg über das Bestehen des Verschönungsvereins ist das Protokoll über die Generalversammlung vom 28.2.1918, das der Lehrer Zindel geschrieben hat.

   

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